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Erzählungen
  1. Roadblock
  2. Der schwarze Ritter
  3. Knoblauch aus Epernay
  4. Das Kind
  5. Bettkauf auf dem Markt
(Bitte, nach unten scrollen!)


1. Roadblock

von Raimund Pousset


Julia und ich waren mit einem linksgesteuerten VW-Bus auf einem Teil der noch nicht für den Verkehr freigegeben Transafricana unterwegs.

Vereinzelt sahen wir im Straßenbauer-Camp am Rande der neuen Straße erste Arbeiter. Ein Radfahrer strampelte sich warm. Auf dem riesigen Hinweisschild beim Lager war deutlich festgehalten, daß sich das Firmenkonsortium, das diesen Teil der Transafricana baute, auch deutscher aus Stuttgart versichert hatte. Die Straßensperre vor dem Camp, die bisher einen holprigen und staubigen Umweg durch das Hinterland bis kurz vor Eldoret erzwungen hatte, war weggeräumt. Also startete Julia mit einem Hopser auf die tieferliegende zweite Schicht des Asphalts durch. Nach wenigen Kilometern tauchte ein Schlagbaum vor uns auf. Julia fuhr rechts ran und hielt vor einem roh zusammengezimmerten Allwetterhäuschen, in dem der watchman (Nachtwächter) zu vermuten war.

Es dauerte eine Weile, bis sich aus der Dunkelheit des Hüttchens ein schwarzer Regenmantel auf den Bus zubewegte. Den Kopf krönte eine Dienstmütze, auf seiner Brust und am Oberarm prangte das Emblem der Securicor-Wachgesellschaft. Wie gewöhnlich kam er zur rechten Fahrerseite des Wagens und begrüßte mich, hier der Beifahrer, in Kisuhaheli, um dann in Englisch nach dem gate-pass, dem Passierschein, zu fragen. Ich, das Unheil ahnend, paßte gleich. Das ehrliche Bantu-Gesicht des Wächters blickte zerknittert; jetzt war Hilfe von einer höheren Instanz nötig. Er rief auf Luluhya etwas in das Dunkel zurück und ein zweiter, wohl der Chef-Regenmantel, schlurfte heran. Er grüßte gewichtig und mit Distanz. Hier kam nur durch, wer registriert war! Hier wurde schließlich geklaut und geschmuggelt. Er zog einen kleinen Block aus der Tasche, auf dem eine Liste von Autonummern notiert war. Erst allein, dann zu zweit, suchten sie nach unserer Nummer. Die war nicht darunter, offensichtlich! Der Chef gab auf und schlurfte in seinen Unterstand zurück. Ich ließ jetzt mein Diktiergerät mitlaufen, auf das ich gerade die Schilderung der aubergine-farbenen Morgenröte gesprochen hatte.

Nummer zwo übernimmt die Verhandlung wieder allein: "Tut mir leid, mein Bruder, hier könnt ihr nicht durch! Da ist leider nichts zu machen! Meine Bosse sind da sehr streng!"

Mich reizt ein Lachen, aber ich halte mich angesichts der Bedeutung dieser Amtshandlung zurück: "Aber wieso denn so kompliziert, wananchi (Bürger)? Macht doch einfach auf und alles ist erledigt!"

Nummer zwo wiegt traurig mit dem Kopf: "Das geht nicht; ihr müßt bis zum Camp zurück und von dort die Umleitung fahren!"

Mein Lachreiz wird von leichter Ungeduld durchzogen: "Aber das ist doch ein Blödsinn! Die Straße sind wir ja nun mal gefahren. Was ist denn da der Unterschied, ob du mich hier durchläßt oder ob ich zurückfahre und dann genau da drüben 10 Meter weiter auskomme. Dann fahren wir die verbotene Straße sogar zweimal!"

Nummer zwo windet sich, es ist im offensichtlich unangenehm. Aber seine Bosse sitzen ihm im Nacken und der Chef-Regenmatel war auch keine große Hilfe. Da kommt ihm ein hilfreicher Gedanke: "Der Wagen hier ist ein Urvan, nicht wahr!?"

Ich atme tief durch und wappne mich in Geduld: "Nein, mein Freund, das ist kein Urvan! Dies ist ein VW, ein folkswäggen! "

Julia kichert fast unhörbar vom Fahrersitz und raunt dann: "Versuch's doch mal mit dem Minister-Trick!"

Nummer zwo strahlt erleichtert: "Also ein Folkswäggen-Urvan!" Und geht zum Chef zurück. Sie beratschlagen vor dem Häuschen. Der Chef scheint noch leise Zweifel zu haben und schickt Nummer zwo zurück.

Er sagt freundlich aber bestimmt: "Es geht nicht anders; ihr müßt umkehren!"

Nun erfaßt mich doch die alte Ungeduld: "Mein Freund, warum denn nur so kompliziert? Schau, wir sind doch Ausländer und kennen uns hier in eurer Gegend nicht aus. (Keine Wirkung bei Nummer zwo.) Wir kommen von Turbo. Haben dort auf der Farm von Dr. Oluko, dem Chefarzt vom Kakamega-Hospital, ein paar Tage verbracht. (Immer noch keine Wirkung beim Regenmantel.) Der Wagen hier gehört dem Minister Geoffrey, der wird bestimmt nicht glücklich sein und der daktari (Doktor) auch nicht, wenn die erfahren, was ihr hier mit ihren Besuchern macht. - Wie können eure Bosse hier einfach eine Sperre aufstellen, ohne uns oben an der Umleitung beim Camp zu warnen und uns die Umleitung anzuzeigen?"

Nummer zwo zermartert sich das Hirn, um den wazungu zu helfen: "Dieser Wagen ist ein Folkswäggen-Urvan!?"

Ich mit ungeduldigem Nachdruck: "Nein, nein! Das ist kein Folkswäggen-Urvan! Das ist bloß ein Folkswäggen, aber kein Urvan! Ein Folkswäggen ist "made in Germany", ein Urvan kommt aus Japan, verstehst du!?"

Nummer zwo nickt verständnisinnig: "Aha, ein Folkswäggen!" Ich fühle mich ehrlich erleichtert: "Ja, genau!"

Nummer zwo gibt nicht auf:: "Ihr habt keinen Passierschein für einen Urvan, einen Folkswäggen-Urvan?"


Ich amüsiert: "Es gibt doch überhaupt keinen Folkswäggen-Urvan!"

Jetzt versteht Nummer zwo:: "Aha, es gibt also gar keinen Folswäggen-Urvan!"

Ich: "Genau so ist es! Verstehst du, was ich meine? Ich will hier einfach durch. Es ist schließlich nicht unsere Schuld, daß wir hierher gefahren sind. Es gab auf der Straße keinerlei Hinweisschild, daß die Durchfahrt verboten gewesen sei! - Und jetzt laß uns endlich durch, ich will jetzt los!!"

Nummer zwei senkt den Kopf, seine Stimme klingt traurig: "Das haben wir nicht so gern!"

Etwas wie Verzweiflung kriecht in mir hoch, ich glaube mich im Recht, aber ich laufe im freundlichen Afrika gegen eine Mauer: "Dann, verdammt noch mal, gib mir einen Zettel, ich - ich - schreibe euch alles auf. Meine Autonummer und so weiter, damit eure Bosse mit euch zufrieden sind. Schau, dieses Auto gehört dem Minister." Ich krame im Handschuhfach einen Kongreß-Paß heraus, der Geoffreys Bild zeigt. Der Posten grinst und nickt: den kennt er! Vielleicht aus dem Fernsehen oder aus der Zeitung. Oder vielleicht auch gar nicht. Jedenfalls scheint er mir mehr zu glauben. Ich rede weiter: "Da können deine Bosse im Ministerium ganz leicht feststellen, wer wir sind. Und ihr bekommt keinen Ärger! Sag deinen Bossen, daß sie, wenn sie hier keine Autos durchfahren lassen wollen, schon oben beim Camp eine Sperre errichten müssen. Verstehst du? Von Turbo bis hierher gibt es nirgendwo einen Securicor-Posten, rein gar nichts! - Du bist doch von Securicor?"

Auf meine scheinheilige Verbrüderung hin lächelt der Posten stolz. Seine Augen erhellen sich abermals verstehend: "Ah, da ist der Grund, warum ihr überhaupt hier seid!"

Ich fühle, daß ich auf dem richtigen Weg bin. Ich werbe und bettle: "Natürlich, nur deshalb! Du mußt verstehen, wir sind ganz fremd hier. Wir können nicht einfach so zurückgehen und ganz unausgeschilderte Umwege fahren. Das verstehst du doch?! Also, laß mich jetzt hier raus, ich möchte losfahren. Wir wollen heute noch bis zum Baringo-See. Es ist wirklich nicht fair, wie deine Bosse uns behandeln.

Er will noch einen Punkt klären: "Ihr wohnt nicht hier in der Gegend?"

Ich reiße mich innerlich zusammen, jetzt nur nicht den Faden verlieren! Ich kenne die Gegend hier genau: "Nein, ganz gewiß nicht! Wir sind mit dem daktari durch die andere Sperre hinter Webuye gekommen und dann auf der gesperrten Straße bis zu seiner Farm in Turbo gefahren. Der daktari hat natürlich einen Gate-Paß. Wenn er jetzt bei uns wäre, könnten wir durchfahren."

Freundlich und hartnäckig hakt Nummer zwo nach: "Ihr seid hier noch nie durchgefahren?"

Wieder übermannt mich der Ärger: "Nein, das hab ich doch schon gesagt! Noch niemals! Alles, was ich will mach's nicht so kompliziert - wir sind Fremde hier - wir haben überhaupt nichts falsch gemacht - nirgendwo unterwegs war eine Sperre!!"

Meine Hektik scheint dem anderen Oberwasser zu geben. Mit Bedacht perlen die einzelnen Worte schwergewichtig von seinen Lippen; seine Augen schauen forschend: "Alle anderen Fahrzeuge biegen gewöhnlich beim Camp in die Umleitung ein!"

Nun schlägt mein Ärger beim Reden zunehmend in echte Verzweiflung um; es gelingt mir nicht, den Mann auszutricksen. Ich bin zwar formal im Recht, aber Nummer zwo scheint zu ahnen, daß der muzungu schwindelt: "Aber wie sollte ich denn bei einer Sperre abbiegen, die gar nicht da war? Oder hätte ich ahnen sollen, daß da eine Sperre hingehört? Es hat uns auch niemand beim Lager gestoppt. So sind wir also hier. Und vergeuden jetzt unsere Zeit, unsere Nerven und das Benzin! (Der Motor läuft immer noch, Julia hat ihn vor Aufregung vergessen abzustellen. Als sie das Stichwort "Benzin" hört, dreht sie den Zündschlüssel.) Und wozu das Ganze? Wenn wir zurückmüssen, dann haue ich bei deinen Bossen im Camp auf den Tisch. Verdammte Schlamperei, erst jemand kilometerweit fahren lassen und dann frech zu erklären: zurück! Wenn deine Bosse schon so ein Miß-Management betreiben, dann kannst du das ja schließlich ausbügeln!"

Mit den letzten Sätzen war mir der kalte Kenya-Kaffe hochgekommen. Ich riß die Wagentür so plötzlich auf, daß sie Nummer zwo an die Brust knallte und stürzte auf das Wachhüttchen zu. Der Chef-Regenmantel hatte es sich dort unbeeindruckt bequem gemacht. Als ich im Wortsinn bebend losbrüllte, trat mein deutscher Akzent deutlich hevor. Ich wiederholte in kurzen abgehackten Sätzen meine Forderung nach Durchlaß, wollte den Namen des Securicor-Bosses oben im Lager - und ihrer beiden auch - wissen. Schnauzte, meine Geduld sei nun zu Ende, endgültig und zack-zack! Dann rannte ich zum Bus zurück, Julia überreichte mir Block und Stift. Ich schoß spornstreichs zur Zierde der kenyanischen Nachtwächterschaft zurück: "So, meine Freunde, jetzt ist Schluß! Hier schreib ich jetzt alles ganz genau auf. Wagennummer, meinen Namen, den unserer Gastgeber, wo wir zu Besuch waren..."

Der Chefregenmantel war ganz Chef: "... und die Nummer von deinem Reisepaß und die Telefonnummer - und die P.O.Box des Ministeriums in Nairobi auch!"

Das war der Durchbruch im Zentrum der freundlichen Front! Ich rief freudig-erregt in Richtung Bus: "Bring mir schnell meinen Paß!" Julia brachte ihn. Ich schrieb mit fliegenden Fingern: alle Daten, meine Paßnummer und erfand die hübsche P.O.Box-Nummer 46393. Geoffreys Telefonnummer wußte ich auswendig. Dann drückte ich dem Chef das Dokument in die Hand. Der besah sich alles genau, verglich die Paßnummern und staunte über das bunte Paßfoto eines bärtigen Mannes im Lammfellmantel. Trotzdem: Alles war in Ordnung.

Es war kurz vor halb sieben, als sich Nummer zwo auf einen Wink des Chefs zum Schlagbaum hin schob. Er löste einen Strick und öffnete für den Folkswäggen-Bus die Barriere. Von der anderen Seite war gleichzeitig ein Land Cruiser angekommen. Wie es schien, hatten die auch keinen Passierschein. Der Fahrer hatte den Wagen verlassen und kam im devoten Schritt des Bittstellers zum Chef- Regenmantel. Falls er versuchen würde zu bestechen, war das bei den beiden und ihren Bossen wohl aussichtslos. Ich hatte eine solche Bestechung erst gar nicht in Erwägung gezogen. Julia startete den Motor, gab Gas und rief dem Chef ein "Thank you!" zu. Ich bedankte mich bei Nummer zwo mit einem deutlichen "Ahsante sana, wananchi! - Vielen Dank, Bürger!" Die beiden Regenmäntel lachten und winkten. Schön, daß die mama  zum Abschied noch hupte. Sie hatten gute Arbeit geleistet! Niemand konnte hier einfach so durchfahren! Man würde stolz auf sie sein!



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2. Der schwarze Ritter

von Raimund Pousset

Er hatte einen guten Kampf gekämpft. Für ihn war die Schlacht zu Ende. Gerade ihn, der beim Planen der Feldzüge immer so besonnen gewesen war, ihn hatte es erwischt. Sie hatten ihn nicht liegengelassen wie verlorene Streu. Nein, noch mitten auf der Wallstatt hatten sie ihn aufgebahrt, so würdig, wie es sich geziemte und so gut es in dieser sinnlosen Schlacht eben möglich war. Jemand hatte den gefallenen Recken mit einem Tuch bedeckt, vielleicht mit einer Fahne. Der Stoff hatte sich über den toten Körper gesenkt und gab den Blick auf die Umrisse eines Helden frei. Nur die Beinen waren vom Tuch unbedeckt geblieben. Die Beinschienen der Rüstung glänzten genau wie die Stiefel schwarz und staubfrei. Das Blut war unter der Fahne zu einer weiten Lache hervorgekrochen. Nutzlos glänzte es neben der schwarzen Rüstung hellrot herüber. Der schwarze Ritter lag ausgestreckt auf dem Rücken, friedlich, entspannt. Er schien auf die zu warten, die an seinem Sarkophag vorbeidefilieren würden.

Seine Ritterfreunde würden kommen und die Erinnerung an andere, bessere Schlachten beweinen. Kinderfäuste hielten sich im groben Tuch des Rocks verkrampft. Sein Weib hatte keine Träne mehr übrig. Die letzten Nächte hatten sie stumm und tränenlos gemacht. Sie konnte keine Schlacht beweinen, keine all der Schlachten, zu der er mit seinen Ritterfreunden aufgebrochen war. Sie hatte die Schlachten gehaßt und gefürchtet. Er hatte nicht auf sie gehört, war immer wieder in die Schlacht gezogen. Mit einem Knabenlächeln, mit einem Freudenjauchzer.

Wie hatte er sich doch als Mann gefühlt, als ganzer Mann, wenn er den schweren Helm aufsetzte und das Visier, bereit zum Kampf, herunterklappte. Die Rüstung hemmte seinen Schritt, ließ ihn nur schwerfällig sein Schlachtroß besteigen und dann - ohne sich umzublicken - voll Todessehnsucht losziehen. Nur dort vorn, nicht am Kamin, nur da draußen in der Schlacht schien ihm das Leben lebenswert zu sein. Erst im Schlachtgetümmel spürte er sich, wie sonst nie in seinem Leben.

Jetzt spürte er nichts mehr, vielleicht ein wenig Erleichterung und Ruhe. Der Zusammenprall mit den beiden feindlichen Rittern, der eine hoch zu Roß, der andere im flinken Streitwagen, war völlig schmerzlos gewesen. Als beim Streich des Gegners das Blut aus seiner Hauptarterie schoß, spürte er es schon nicht mehr. Ein dröhnender Schlag, blutrotes Licht und friedvolle Stille - das war alles. Sein Leben zerrann auf dem glatten, blau-schwarzen Boden. Und es schien gut zu sein, so, wie es sein sollte. Ein guter Kampf war zu Ende gekämpft.

Das Schlachtroß des Ritters lag grotesk zerschmettert ein paar Schritte entfernt an einer kleinen Anhöhe im Gras. Es war im Sterben noch weitergelaufen, seinem toten Reiter davon. Die Einheit von Roß und Reiter, das gepanzerte Fabelwesen der Mythen und der Alptraum der Inkas, war zerbrochen. Seinem Roß hatte seine ganze Liebe gegolten. Es hatte ihn auf tausend Schlachtfelder geführt und treulich gedient.

Gegen den milchgrauen Oktoberhimmel standen die Silhouetten der beiden feindlichen Ritter in den beginnenden Abend. Sie hielten sich für einen winzigen Augenblick vor Glück und vor Entsetzen umarmt. Wir, die wir weiter ins Kampfesgetümmel drängten, hörten den Lärm der weitergezogenen Schlacht von Ferne. Wo der Ritter lag, war die Schlacht nur für einen langen Moment unterbrochen gewesen. Einer von denen, die ihn dort mitten auf dem Schlachtfeld in kühler Würde aufgebahrt hatten, winkte uns. Wir defilierten langsam am schwarzen Ritter vorbei. Erst jetzt sah ich ihn liegen. Die Blutlache neben der Leichenfahne sprang mich giftig an. Mein neugieriger Blick erstickte. Die Totalsperrung der A 81 bei Würzburg-West war aufgehoben.

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3. Knoblauch aus Epernay

von Raimund Pousset

"Sind sie deutsch?" hatte die Marktfrau gefragt. Es klang freundlich und ein wenig erwartungsvoll. So, als könnten wir ihr mit der Antwort "ja" ein kleines Geschenk machen. Sie mußte unsere Antwort eigentlich kennen, denn wir hatten schon länger an ihrem Gemüsestand zugebracht und untereinander deutsch gesprochen. Aber vielleicht wollte sie sichergehen, daß wir keine Österreicher oder Schweizer waren.

Der Markt hatte es uns angetan. Er roch nach Erde und Meer. Einer dieser französischen Kleinstadtmärkte, von denen man nicht loskommen kann. Wo man immer mehr kauft, als man braucht. Zwischen aufgetürmten Auberginen, Nüsse, Champignons, Seehechten, Austern, Hühnchen und Hasen lustwandelt. Wir waren am Marktstand dieser alterslosen Frau um die vierzig stehengeblieben. Kunstvoll geflochtene Knoblauchgebinde mit zartroten Zwiebeln hatten uns angelockt. Wir lobten sie, weil sie so leicht deutsch sprach. Ihr ehrliches Landfrauengesicht strahlte, wie ihr ausgebreitetes Gemüse. „Mei Vadder het mich gelernt!“ sagte sie auf deutsch und fuhr dann französisch fort: „Deutsch hab ich lernen sollen. Mein Vater sprach ein sehr gutes deutsch. Er hat es im Krieg bei euch gelernt. Als Kriegsgefangener, in einem kleinen Odenwalddorf bei Heidelberg.“ Sie mußte unseren gesichtern die Betroffenheit angeshen haben, denn ihre Stimme nahm etwas Beschwichtigendes an: „Nein, nein, er hat es gut gehabt, auch als französischer Kriegsgefangener  bei Alphonse Mullér ..."  und sie machte durch ihre Aussprache aus dem simplen Alfons Müller eine Romangestalt, „war ein guter Mann. Er war bei der SA und sogar der Kreis-Bauernführer. Aber er hat meinen Vater gern gehabt und ihn geschützt und ihm immer Essen für die anderen Gefangenen gegeben. Die zwei haben dabei dolle Dinger gedreht. Das war gefährlich, wissen Sie! - Er halt ihn geliebt. Alphonse Mullér hatte keinen Sohn. Deshalb vielleicht ...!""

Wir konnten nicht sprechen. Die Vergangenheit kroch zäh an uns heran. Die Markfrau half uns: "Mein Vater hat immer gesagt, sieh immer nur das Gute und vergiß das Schlechte! - Und so hat er mir Mut gemacht und ich habe etwas deutsch gelernt. Nicht viel, aber es reicht." Jetzt fielen ihr wieder einzelne deutsche Wörter und Satzbrocken ein. Julia sagte: "Es ist schön, daß es einen Alfons Müller gegeben hat." "Ja," sagte die Marktfrau, "das ist schön. Und es hat noch jemand gegeben. Seine Tochter. Meine Vater hatte eine Liaison mit ihr. - Ach. der Krieg, wissen Sie!" Wir schwiegen gemeinsam eine Weile, hingen unseren Gedanken nach.

"Nach dem Krieg kam mein Vater wieder zurück nach Epernay. Da hat er dann bald meine Mutter geheiratet. Später wurde ich geboren, wie halt das Leben so läuft!" Ich fragte kirchenstill: "Und Alfons Müller? Hat ihr Vater jemals wieder davon gehört?" "Ja," sagte sie und ihre Stimme klang jetzt belebt und bewegt, "Ja! Wir waren alle dort. Mein Vater, meine Mutter und ich. Alphonse Mullér war schon tot, aber seine Tochter, die haben wir in dem kleinen Dorf im Odenwald besucht. Sie war längst verheiratet, aber ohne Kinder. Wir haben viel geweint in diesen Tagen - alle!" Julia sagte leise: "Ihr Vater muß ein außergewöhnlicher Mensch sein!" Die Marktfrau umfaßte jetzt unser Knoblaubgebinde fest. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt: "Er ist vor sechs Jahren gestorben, kurz nachdem wir von dem Besuch aus Deutschland zurück waren!" Sie schluckte schwer: "Er hat sich ... selbst getötet!"

Der ganze Markt verschwamm mir vor den Augen. Ich griff nach Julias Hand. Ich hörte mich reden: "Warum? Warum hat er das getan?" "Er hat es mir in einem Brief gesagt - mir allein. Meine Mutter weiß nichts davon. Alphonse Mullérs Tochter hatte ihm die Wahrheit erzählt. Am Tag der deutschen Kapitulation hat sie erfahren, daß sie schwanger war. Von meinem Vater schwanger. Sie hat ihn nicht halten wollen, hat ihm nichts gesagt und das Kind ... Sie senkte den Kopf, sprach auf deutsch: "Sie het´s wegmoche g'laßt."

"Ja, der Krieg!" sagte Julia tonlos. Und ich: "Was kostet das Knoblauch, bitte?"

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4.  Das Kind

von Raimund Pousset

Schon immer hatte er mit ihr spazieren gehen müssen. Immer er hatte sie am Hals. Das Schicksal sprang immer nur ihn an, klebte an ihm, hielt ihn im Genick gepackt. Meist waren sie von ihrem Haus durch den kleinen Park zum Teufelssee hinunter gelaufen. Erst über den Kiesweg und dann über das Brückchen. Vom Ufer aus hatten sie die Schwäne mit Brot gefüttert. Brot, das ihnen Nanny, ihr Kindermädchen, heimlich zugesteckt hatte.

Jetzt hatte er seine Schwester wieder am Hals. Das war ungerecht, fand er. Er war elf und sie vier. Die Eltern hätten sich wirklich selbst um die Göre kümmern sollen. Sie hätten mitkommen sollen. "Es ist besser, wenn ihr alleine loszieht!" hatte Vater gesagt. Und da heulte sie auch schon los. Zum Glück hatte ihm Mutter noch den Bär zugesteckt, ihren abgegriffenen, heiß geliebten Teddybären. Der Junge nahm den Bär aus dem Rucksack und drückte ihn der Schwester an den Hals. Er murmelte: "Hier, dein Bär! Der ist auch schon müde!" Sie heulte wieder auf, ohne Hoffnung auf Hilfe: "Aber ich will meine Puppe!" Er log regungslos: "Die kriegst du gleich, wenn wir in Westerburg sind!"

Wenn sie nur schon dort wären, bei Onkel Joschi! Wie sollte er diesem Kind bloß erklären, dass sie nach Westerburg mussten? Sie stellte zögernd die Sirene ab und blickte ihn mit ihren nachtschwarzen Augen voll Vertrauen an. Ja, sie hatte dieselben Augen wie ihr Vater. Das dicke blonde Haar aber hatte sie von ihrer Mutter. Manchmal stellte er sich vor, daß er gar nicht ihr Bruder wäre. Und seine Eltern nicht seine Eltern. Vielleicht hatte man ihn im Krankenhaus vertauscht? Er hatte schließlich rotes Haar und in seiner Familie hatte niemand rote Haare.

Sie mussten sich beeilen, wenn sie ankommen wollten. Es wurde schon dunkel. Zum Abschied hatte sich Mama unendlich lange an ihre Kinder angeschmiegt. "Pass gut auf deine Schwester auf!" hatte sie dann tonlos und mit roten Lidern zu ihm gesagt. Sein Vater hatte erst gar nichts gesagt. Nur mit seinen großen schwarzen Augen hatte er ihn angeschaut, immer nur angeschaut. Dann hatte er doch etwas gesagt, ganz leise: "Ich verlass' mich auf meinen großen Jungen!" Und war zurück ins Haus gestürmt. Die beiden Kinder waren hilflos losgezogen, nicht an den Teufelssee mitten in der Hauptstadt, sondern nach Westerburg. Und jetzt waren sie schon so lange unterwegs. Meistens abends oder nachts. Am Straßenrand raschelten unter seinen Füßen noch ein paar lose Blätter des letzten Herbstlaubs - vertraute Laute seiner Kindheit.

Er konnte jetzt das kleine Dorf mit dem schlanken Kirchturm und den geduckten roten Dächern vor sich sehen. In den Häusern gingen einige blitzende Lichter an. Heute feierten sie dort hinter den Scheiben das Fest des neugeborenen Kindes. Mit Tannenbaum, Krippe und wundersamen Liedern. Mit Kerzenlicht, Bratenduft und Spekulatius. Sein Magen knurrte. Ein Motorrad näherte sich langsam aus dem Wald. So hatten sie genug Zeit, wieder einmal in den nasskalten Straßengraben zu springen. Im Vorüberfahren sah er auf dem Krad eine schwarze Uniform. Zähflüssig erstarb der Motor in der Nacht. Ängstlich verharrten sie so lange in ihrem Versteck, bis es völlig dunkel war.

Da brummte noch ein Motorrad heran. Diesmal hielt der Fahrer fast neben ihnen auf der Straße an. Der Motor tuckerte weiter und der Scheinwerfer strahlte in die Zukunft. Der Junge konnte erkennen, dass auch die Uniform dieses Mannes schwarz war. Er konnte diese Uniformen förmlich riechen, durch Wände spüren, mit seiner Haut einatmen. Auf solche wie sie hatten es die Uniformen abgesehen. Wenn sie sie entdecken würden, dann würden sie sie geradewegs nach Hause bringen. Oder sonst wohin.

Die schwarze Uniform zündete sich jetzt eine Zigarette an. Im Licht des Streichholzes sah man auf den Kragenspiegeln silberne Totenköpfe blitzen. Das Kind schmiegte sich vertrauensvoll an ihren großen Bruder. Sie wusste, dass ihr nichts passieren konnte. Er war doch der Stärkste in der Klasse!

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