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Pädagogik

Pädagogik - für wen?

Meine Erfahrungen als Lehrer in verschiedenen Schultypen und als Mentor im Life-Science Lab am DKFZ, Heidelberg hat mir deutlich gezeigt, dass wir nicht durch die Verfeinerung der Methodik, sondern nur durch strukturell-organisatorische didaktische Reformen, die dann inhaltlich-pädagogische Veränderungen möglich machen, in der Pädagogik weiterkommen werden.

  • Als konkrete Handlungsfelder möchte ich nachfolgend das Mini-Lecturing (ML) nennen.
  • ML stützt sich wesentlich auf die Gedanken der Mathetik.
  • Ebenso ist auch das ZQO-Konzept in der Modellschule (Peter-Bruckmann-Schule, Heilbronn) eine Konsequenz aus diesen pädagogischen Grundannahmen.
  • Voraussetzung für Selbstorganisiertes Lernen besonders im Bereich der allgemein bildenden Schulen ist die Abschaffung der Schulpflicht zugunsten einer Bildungspflicht.


Mini-Lecturing


Das Life-Science Lab, zu dem ich als Mentor mit einigen Wochenstunden abgeordnet bin,  ist eine seit 1999 in Heidelberg bestehende Einrichtung, die seit August 2002 von der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF) und dem TechnologiePark Heidelberg getragen wird. Das ‚Lab’ hat sich der Förderung naturwissenschaftlich interessierter und begabter Jugendlicher verschrieben und versteht sich als eine außerschulische Bildungseinrichtung. Die pädagogische Arbeit zielt darauf, wissenschaftlichen Nachwuchs heran zu bilden, d. h. die Lern- und Beurteilungsfähigkeit sowie die Studier- und Innovationsfähigkeit von Schülern und Studenten zu unterstützen. Besonders mathematisch und naturwissenschaftlich interessierte und begabte Mittel- und Oberstufenschüler werden von den Lernangeboten angesprochen. Einmal pro Jahr organisiert das Lab im Ausland eine „International Science Academy“ (ISA). Im Sommer 2004 war ich als Leiter der ISA Kenia in einer ungewöhnlichen „Schule auf Rädern“. Größtes Projekt bei den Wochenendseminaren im Lab war das dreiteilige Mathetik-Seminar, das auch für Lehrer der Region offen stand (siehe jeweils: www.life-science-lab.de). Referenten, die ihr Material entsprechend der ML-Methode vorher allen Teilnehmern zugänglich gemacht hatten, waren u.a. Rainer Winkel und Peter O. Chott, die sich beider den Mathetik besonders verpflichtet wissen.
Ich habe ML seit dem Schuljahr 2002/03 in 12 Klassen der Berufsfachschule für Altenpflege (Christiane-Herzog-Schule und Peter-Bruckmann-Schule, Heilbronn) über jeweils  ein Schuljahr im Fach Gerontologie und in 6 Wochenendseminaren zu verschiedenen Themen (etwa: Kommunikation) im Rahmen meiner Mentorentätigkeit am Heidelberger Life-Science Lab am DKFZ (Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg) erprobt und entwickelt. Ich konnte in der Schule jeweils drei Wochenstunden in Gerontologie blocken. Die Schulleitung hat das Verfahren unterstützt.



Ziele und Struktur von ML


Mini-Lecturing (ML) ist ein durchkomponierter mathetischer Ansatz des selbstorganisierten Lernens, der viele reformpädagogische Mütter und Väter hat, die hier im Einzelnen nicht mehr genannt sein sollen. Aus neuerer Zeit soll hier nur der Ansatz „Lernen durch Lehren“ von Jan-Pol Martin erwähnt werden (www.ldl.de) . Der Begriff „Mini-Lecturing“  will ausdrücken, dass einmal das „lecturing“, also die Vorlesungen oder die klassischen Unterrichtsstunden, evtl. mit ausschließlich Frontal-Unterricht, neben vielen Formen des SOL wenig gehalten werden. Zum andern, dass jede dieser Vorlesungen - durchaus im Frontal-Form - nur kurz  und auf einen Teilaspekt des Lernstoffes bezogen  abläuft. Außerdem verlang ML zwingend, dass SchülerInnen mit einem gewissen Vorwissen und Fragen in die einzelnen Lektionen kommen. Ob sie aber überhaupt kommen (wollen), entscheidet die Arbeitsgruppe oder jeder einzelne für sich allein.
ML ist das Herzstück eines sechsstufigen Prozesses, dessen vier inneren Phasen (1 - 4) von einer Eingangs- (A) und einer  Abschlussphase (Z) umrahmt werden.
A:  Eingangsphase: Themenfindung
1.    Moderation: Gruppenbildung
2.    Gruppenarbeit:
3. Mini-Lectures:
4. Präsentation:
Z: Abschlussphase:


Praktische Erfahrungen mit ML


ML ist so flexibel, dass er in allen Fächern oder Projekten, Schularten, Alterstufen und Lernsituationen in und außerhalb der Schule eingesetzt werden kann. ML zielt in vielen Teilen auf Lerngruppenarbeit ab, lässt grundsätzlich aber auch Einzel- oder Partnerarbeit als durchgängiges Prinzip zu.
ML macht sich sämtliche neue Medien (hybride Lernumgebung) ebenso zu Nutze, wie alle modernen methodischen Lernmöglichkeiten. ML ist nicht gegen Methodik schlechthin, sondern nur gegen Methodik, die quasi als Ersatz der Didaktik daherkommt. Allerdings kann keine noch so gute Methodik eine fehlende pädagogische Beziehung ersetzen oder eine schlechte heilen. Ob und wie erfolgreich ML angewandt werden kann, hängt wesentlich von der Bereitschaft einer Lehrkraft ab, sich auf neue Lernprozesse und Rollen einzulassen. Ebenso wichtig sind die didaktischen Rahmenbedingungen, die der Schulträger vorgibt. Wesentlicher organisatorischer Punkt, der gegeben sein muss, ist eine größere Zeiteinheit pro Woche blocken zu können, mindestens drei oder vier Schulstunden. Bei Seminaren oder Projektunterricht ist diese Grundvoraussetzung ja sowieso gegeben. Extreme Behinderung durch einen Schulträger ließen ML jedoch nur verwässert zur Anwendung kommen.
Mit Anfängerklassen in der Berufsfachschule, die also ganz neu in der dreijährigen Ausbildung sind, mache ich in der Regel kein ML, da ich die Klassen noch schlecht einschätzen kann. In einem Fall jedoch konnte ich auch schon in einer Anfängerklasse ML zum zweiten Schulhalbjahr erfolgreich einführen, weil diese (ungewöhnlich selbstbewusste und motivierte) Klasse darauf bestand, das gleiche Unterrichtsverfahren zu erleben, wie die beiden oberen Klassen. Eine andere Klasse konnte sich erst im dritten Jahr zu ML entschließen, weil sie (so ohne richtigen Lehrer!?) Nachteile für das Leistungsniveau befürchtete. Dies war überhaupt eine immer wieder geäußerte Befürchtung. Die meisten Klassen waren nur bereit, sich erst einmal auf Zeit (z.B. bis zu den Herbstferien) auf ML einzulassen, bis feststand, dass die Klassenarbeiten im Schnitt nicht schlechter ausfielen, als vorher auch. Eine starke Motivation für ML kam im dritten Jahr hinzu: als Vorbereitung auf das mündliche Examen in Gerontologie arbeiteten die Kleingruppen einen umfangreichen Fragekatalog ab, der den gesamten Stoff der dreijährigen Ausbildung umfasste. Hier konnte also intensiv wiederholt werden. Allerdings lässt der Druck vor dem Examen die Bereitschaft weitgehend selbständig zu lernen dahin schmelzen wie der Frühjahrsschnee. Dann wünschen sich selbst engagierten Klassen das „Einpauken“ durch den Lehrer.


Die  Rolle des Mentors


Die Rolle des „Lehrers“ sollte eher der eines Begleiters ähneln, als der eines Wissensvermittlers. Ein solcher Mentor kann als Steuermann beschrieben werden, der notwendige Strukturen vorgibt und Methoden kennt, die den selbst organisierten Lernprozess (SOL) initiieren und die fraktale Unterrichtsorganisation am Laufen halten. Dabei ist er in der Lage, auf die Bedürfnisse, Wünsche und Anregungen einzugehen und sie konstruktiv zu nutzen. Der Mentor hat im Sinne des „apprenticeship-learning“ eine starke Vorbildfunktion, die desto klarer hervortritt, desto realer die gemeinsamen Lernerfahrungen ablaufen. Er sollte im Sinne von Carl Rogers über ein hohes Maß an Authentizität und Akzeptanz verfügen.
Jeder Mentor hat neben der Steuerung von eher kognitiven Lernprozessen auch die Persönlichkeitsbildung und das gruppendynamische Geschehen in einer gegeben Umwelt als Leitungsaufgabe im Blickfeld. Diese in die Umwelt eingebettete Trias entspricht recht genau dem, was Ruth Cohn als „Themenzentrierte Interaktion“ bezeichnet hat. Um das Thema in einer Gruppe (das ES) bearbeiten zu können, bedarf es einer ausgewogenen Balance der individuellen Befindlichkeit (dem ICH) und dem gesamten Gruppengefüge (dem WIR). Diese Rolle unterscheidet sich von der manchmal ins Spiel gebrachten Rolle des „Coaches“ dadurch, dass ein Mentor nicht nur im Bereich des persönlichen Wachstums und sozialen Lernens agiert (wie alle Berater, Coaches, Supervisoren, Mediatoren oder Psychotherapeuten), sondern wesentlich auch kognitive Lernprozesse steuert und bewertet.
Besonders in der Schule muss der Mentor sich mit dem scheinbar unauflöslichen Widerspruch aller kindorientierten Pädagogik und Demokratie auseinandersetzen, seine Schüler „zur Freiheit zu zwingen“. Dieser „Lernzwang“ kann durch Begeisterung, gute Beziehung und sinnstiftendes Lernen  überspielt werden, bleibt aber trotzdem im Hintergrund virulent. Er bricht auf, wenn ein Schüler ausbricht oder Lernen verweigert. Ein Mentor darf - um Mentor bleiben zu können -  im Extremfall nicht in ein pädagogisches Verhältnis gezwungen werden, was bedeutet, dass die Schulpflicht ausgesetzt können werden muss (am besten gehört sie ganz angeschafft!), wenn gleichzeitig sozialpädagogische Hilfen angeboten werden.
Für die Mentorenrolle bedarf es dreizehn basaler Fähigkeiten, die weit über das traditionelle Lehrerverständnis mit den bekannten Fach-, Personal-, Sozial- und Methoden-Kompetenzen hinausgehen und erkennbar deutlich aus dem beraterischen Setting stammen.  
 1. aktives Zuhören,
2. strukturieren,
3. labeln (Reflexion),
4. vertiefen (probing),
5. klären,
6. nachhaken,
7. fragen,
8. zusammenfassen,
9. informieren,
10. ermutigen,
11. loben,
12. präsentieren,
13. bewerten.

ML kann nicht umgesetzt werden, ohne alle diese Mentoren-Fähigkeiten zu beherrschen. Es ist nicht möglich, ML „einfach mal“ einzusetzen, sondern es verlangt ein mutiges Sich-einlassen und Erproben von neuen Situationen und Rollen über einen längeren Zeitraum hinweg. ML als Lückenbüßer für ungeplante Situationen wie Unterrichtsvertretung oder überraschende Projekte dürfte i.d.R. zu Frustrationen führen. Dann wäre die hämische Übersetzung von SOL = „Schüler ohne Lehrer“ auch durchaus berechtigt. Austausch mit Gleichgesinnten auch per Internet (z.B. über Foren) und gemeinsame Fortbildung oder Supervision kann den Prozess des Hineinwachsens in das Konzept wirksam unterstützen.
In Lerngruppen, die einen unterschiedlichen Wissensstand aufweisen, müssen Mentoren binnendifferenziert arbeiten. Dazu bedarf es besonderer Vorbereitung des Lernmaterials und des Einsatzes von anderen Teilnehmern, die schon weiter im Lerngang fortgeschrittenen sind oder sogar fremder Lehr- und Hilfskräfte.  
Die Gruppengröße sollte nicht ohne Not drei Mitglieder überschreiten. Dafür werbe ich gleich zu Beginn sehr „heftig“. Die Arbeitshaltung und die Fähigkeit zur Selbststeuerung ist in den einzelnen Gruppen unterschiedlich. Nur in einem einzigen Fall war es nicht möglich, eine Schülerin in einer Gruppe zu verankern. Sie arbeitete dann ein ganzes Jahr als Einzelkämpferin.
Auch vereinzelt recht heftige gruppendynamische Konflikte konnten gelöst werden. In einem Fall brachte nach wenigen Sitzungen ein Mitglied einer Dreiergruppe öffentlich ihr Unbehagen zum Ausdruck, dass sie in einer Looser-Gruppe säße (wobei sie sich selbst gleichfalls als schwach einschätzte).  Nach den Ferien hatte die Klasse, ohne dass ich es überhaupt bemerkt hatte, das Problem allein gelöst. Die drei Schwachen waren jeweils von einer anderen Gruppe aufgenommen worden.
Eine besondere Stärke von ML liegt darin, sich als Lehrer/Mentor ganz auf eine Kleingruppe oder sogar einen einzelnen einstellen zu können. Hier konnte ich manchmal tief greifende Mängel wie Textverständnis feststellen und ausführlich angehen.


Evaluation


Lernen ist nicht nur ziel-, sondern auch produktorientiert. Die Ergebnisse sollten deshalb immer dokumentiert und in geeigneter Form allen Teilnehmern zeitnah als Protokolle, durch Nachbesprechungen oder Tagebücher wo möglich im Internet zur Verfügung gestellt werden. Die Arbeitsprodukte werden an geeignete Stelle auch im größeren Rahmen (z.B. zum Jahresbeginn, auf Elterabenden oder -festen oder zum Jahresabschluss) professionell präsentiert. Die Möglichkeit an schulübergreifenden Wettbewerben teilzunehmen wird gefördert.
Die Lernprozesse innerhalb einer Lerngruppe werden mit geeigneten Methoden selbst oder fremd evaluiert. Jeder Mentor ist sowohl der Leitung als auch der Gruppe gegenüber für den erfolgreichen Ablauf ebenso verantwortlich, wie für die Feststellung einer kontinuierlichen und qualifizierten Mitarbeit der Teilnehmer.
Schüler bewerten durchaus die neue Methode. Hier einige (erwachsene) Schüler-Meinungen zum ML aus dem Bereich der Berufsfachschule, in denen sich die Erfahrungen sehr lebendig und konkret widerspiegeln:

  • „Ich hatte eigentlich keine konkrete Vorstellung wie man besser lernen kann und wie man in der Schule gleichzeitig noch mehr Kontakt und Erfahrungsaustausch haben kann, da mir dies bisher an der Schule fehlte. Durch ML konnte ich bessere Kontakte zu meinen Mitschülern bekommen und gleichzeitig ein Thema erarbeiten. Das fand ich sehr gut.“
  • „Was am Anfang so leicht und locker lief, hat sich am Ende als harte Arbeit entpuppt.“
  • „Meine Schüllerrolle hat sich in soweit verändert, dass ich mit weniger Vorgaben arbeiten musste. Ich muss jedoch trotzdem den Lernkatalog, den wir zur Vorgabe hatten im Auge behalten und darauf achten, dass wir alle Themen zu ihrer Zeit bearbeiteten.  Trotzdem konnten ich und die Gruppe freier lernen. Störungen hatten Vorrang und nachdem was man die Störung beseitigt hatte (Gespräch, Essen ...), konnte man zusammen auswählen und arbeiten. Wenn man keine Lust mehr hatte und die Konzentration fehlte, konnte man zusammen Pause machen. Durch Gruppenarbeit lernte man sich besser kennen und man konnte sich besser einbringe, wie es im Unterricht der Fall ist.“
  • „Ich konnte mich besser darauf einlassen, was an Themen zusammen kommen sollte und z.B. im Internet nach zusätzlichen Informationen suchen, die uns ein Thema vielleicht noch verdeutlicht wurden. Da sich manche Mitschüler schwerer mit dem Computer oder Internet tun als ich, konnte ich dieses Wissen in meine Gruppe einbringen. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, habe ich nachgefragt und immer eine Antwort bekommen. Manchmal haben wir auch gemeinsam etwas nicht verstanden, dann bemühten wir uns es zu verstehen. Im Prinzip glaube ich, dass wir uns innerhalb der Gruppe gut verstanden haben. Manchmal habe ich Probleme meine Meinung in Worte umzusetzen. Das fehlte mir ein bisschen. Den anderen zu sagen, wie ich sie erlebt habe fiel mir nicht besonders schwer. Aber im Vordergrund stand, das wir zusammen lernen müssen.“
  • „Das Arbeiten im ML bedeutete der normalen Gruppenarbeit oder den Projekten gegenüber noch mal eine Steigerung sich mit dem Thema, der Gruppen und den Rollen, mit Toleranz, Kritikfähigkeit, Wissen und Kompetenz auseinander zu setzen.“
  • „Durch ML hat sich die Lehrerrolle sehr verändert. Der Lehrer steht mehr im Hintergrund. Er gibt zwar die Themen vor, lässt die Gruppen aber wie freie Mitarbeiter arbeiten. Das bedeutet, er lässt sie selbst seines Glückes Schmied sein. Derjenige, der keine Lust mehr hat, im Klassenzimmer zu sitzen, kann gehen. Schulkameraden, die am Unterricht interessiert sind und beschult werden wollen, bleiben im Klassenzimmer. Jedoch müssen die anderen Gruppen, die bei der Minilesung des Lehrers nicht da sind, das Thema alleine ausarbeiten. Und sie müssen sich selbst informieren, wenn ein „Vortrag“ zu dem erarbeiteten Thema stattfand. Der Lehrer konnte sich dadurch besser um das „wissbegierige Volk“ kümmern und Themen oder Probleme erörtern, die manchmal auch privat waren.“
  • „Bei den Vorträgen stand der Lehrer mit seinem Wissen nicht mehr so im Vordergrund, wie es in den anderen Fächer immer ist. Da wir auch Vorwissen hatten, waren wir schnell bei wichtigen Punkten oder Fragen im Thema und er konnte uns dann die Sachen nochmals erklären. Ich kam mir gegenüber dem Lehrer nicht als völlig unwissend vor, sondern ich sah den Lehrer als Kontrolleur meines Wissens. Sonst galt der Lehrer bei mir in erster Linie als Wissensvermittler. Das hat sich während diesem Projekt etwas verschoben. Die Autorität des Lehrers sich etwas verändert. Er wirkt auf mich nicht mehr so sehr als Chef, sondern eher als hilfsbereiter Wissensvermittler, dem man dankbar sein muss, wenn man die Chance bekommt Wissen von ihm gezielt vermittelt zu bekommen. Er kann besser auf private Probleme in der Gruppe eingehen, weil der Druck der Klasse und die Masse an Störungen gedämpft oder überschaubarer auf ihn einwirken. Dadurch hat sich die Beziehung zum Lehrer positiv verändert.“
  • „Ich glaube, dass der normale Unterricht von der Organisation her besser lief,  da jeder wusste, was auf ihn zukommt. Verbessert hat sich meiner Meinung nach die Lernbereitschaft. Man hatte das Ziel das Thema zu erarbeiten und man versuchte das Beste daraus zu machen, weil einem besser bewusst war, dass man selbst Lernen muss.  Wenn man einen Durchhänger hatte, motivierten einen die anderen Gruppenmitglieder oder man machte gemeinsam Pause.“
  • „Ich persönlich genieße es, mich mit dem Lehrer in der Kleingruppe auszutauschen. Er gibt mir dass Gefühl, wir befinden uns auf einer Ebene. Er nimmt mir meine Scheu und ich frage hier auch Dinge, die ich sonst nicht gefragt hätte, weil ich mich für ´dumme Fragen´ schämen würde.“
  • „Die Kleingruppe hat für mich eine hohe Bedeutung. Ich muss mich mit der Gruppe verständnisvoll zeigen, damit die Gruppe funktionieren kann. Aber auch Unklarheiten müssen zur Aussprache gebracht werden, die dann wiederum helfen können das Thema besser auf den Punkt zu kommen. Es muss in einer Gruppe gegenseitiges Verständnis, Vertrauen  und der Wille etwas zu lernen vorhanden sein. Durch die Kleingruppe war man gezwungen sich auf andere einzustellen und sich intensiv mit dem Thema zu befassen. Konflikte und Meinungsverschiedenheiten kamen besser zur Sprache, auch Lustlosigkeit. Man musste sich einfach die Zeit nehmen um darauf einzugehen, damit man an seinem Thema weiterarbeiten konnte. Zu Konflikten wurden Lösungen gefunden. Jeder muss innerhalb einer Gruppe mit Kompromissen leben. Man kann nie allen alles recht machen. Das musste manchen in der Gruppe gesagt werden. Lustlosigkeiten wurden evtl. mit Pausen ausgeglichen. Patentlösungen für Problem gibt es leider nicht. Ich glaube manche Gruppen sind insofern besser untergetaucht, als dass sie sich nur sehr wenig mit den Inhalten beschäftigt hat. Meine Gruppe und ich haben die Aufgabe ganz gut erfüllt, denke ich.“
  • „In den großen Klassen fällt es nicht auf, wenn man sich nicht am Unterricht beteiligt. Man kann gelegentlich träumen und es fällt dem Lehrer oder den Mitschüler nicht auf, dass man sich geistig gerade völlig dem Unterrichtsthema entzogen hat. In den Kleingruppen ist jeder gefordert. Gerät man ins Träumen oder  denkt sich, die anderen sollen die Arbeit machen, so fällt das leichter auf. Die anderen Gruppenmitglieder „wachen“ indirekt darüber, dass man auch bei der Sache bleibt. Ich denke, dass in Gruppen, in die ein Faulpelz geraten ist mit dem Ärger der anderen eher rechnen muss, als in der normalen Klasse. Ein Faulpelz steht so eher unter Druck etwas zur Arbeit beizutragen als in der großen Klasse.“
  • „ML erfordert Disziplin und wirkliches Interesse der Schüler an den Sachthemen. Die Idee ist gut - man setzt sich mit dem Stoff besser auseinander und kann im Anschluss Fragen erörtern. Für uns bedeutete es eine Umstellung, zu Beginn der Ausbildung hätten wir sicher mehr daraus gemacht. In unserer Gruppe geriet das eigentliche Thema oft in den Hintergrund - dafür haben wir uns rege mit einer anderen Gruppe ausgetauscht (immer berufliche Themen) - das hat uns allen gut getan.“
  • „Man kann mit ML lernen mit anderen Menschen zu kommunizieren, sich gegenseitig zu verstehen und Kompromisse zu finden. Man erfährt dieses Verhalten eigentlich automatisch. Eine Gefahr sehe ich aber darin, dass es auch Gruppen gab, in der die Balance zwischen den Personen nicht stimmte und Eifersucht und Egoismus herrschte. Manche Menschen können nur sehr schwer in Gruppen zusammenarbeiten.  Ich denke, dass wenn man solche Personen in der Gruppe hat, dadurch die Konkurrenz noch erhöht wird und man sich sehr darüber ärgert und die Gruppe dann auch nicht produktiv arbeiten kann.“

Natürlich  ist  nicht immer alles glatt verlaufen. Es kamen auch viele sinnvolle Verbesserungsvorschläge, die zeigten, wie intensiv sich mache mit der Problematik auseinander gesetzt hatten.

Klassenarbeiten können im Rahmen der Schule wie gewöhnlich geschrieben werden. Ich habe bisher nicht mit Modellen der Selbstbewertung gearbeitet, wie sie z.B. von Herold und Landherr vorgeschlagen werden. Eine wichtige Rückmeldung über den Lernfortschritt sind auf jeden Fall die Präsentationen, entweder nach einem Projekt oder gar die Jahrespräsentationen. Hier wird von den Teilnehmern gern die Aufgabe umgesetzt, ein Thema möglichst kreativ (aber nicht unbedingt umfassend, z.B. in einem Sketch) zu behandeln.

Der Prozess der Implementation von ML in meinen Unterricht war spannend und anspruchsvoll. Manchmal – aber nur manchmal - war es geradezu „erleichternd", normalen Frontalunterricht in anderen Klassen abhalten zu können. Dieser Lernprozess ist für mich nicht abgeschlossen. Ich musste und werde dabei mindestens so viel Neues lernen, wie meine SchülerInnen.