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Judentum
 

Deutsch-Jüdischer Dialog:


Die neuen Zehn Gebote

von Raimund Pousset

Einleitung




Der folgende Text „Die neuen 10 Gebote“ ist ohne Zweifel ein Pamphlet. Er bedarf vielleicht der Einbettung. Angesichts der prinzipiell hilflosen Lage der Palästinenser, permanenter Demütigungen, Mauer- und Siedlungsbaus, Lagerleben, Häuserabriss, Deportationen, Abriegelungen, Wasserraubs, Checkpoints, Völkerrechtsverletzungen  sowie Land- und Quellennahme durch das heimlich atomwaffenbewehrte Israel, ist er getränkt von Sarkasmus und greift auf drastische Formulierungen zurück. Er ist aus dem Blickwinkel christlicher Palästinenser geschrieben, die nicht die Gewalt als Mittel der Politik sehen, sondern das Wort. Ich will mit diesem Text diesen Menschen meine Stimme leihen. Mehr kann ich kaum tun. Ihre leisen Stimmen hört man offiziell nicht, es gibt keine Antwort. Die brutalen Stimmen der anderen, der Suizidbomber z.B., werden gehört, aber mit drakonischen Strafen und Bomben, auch für Zivilisten und Unschuldige, beantwortet.

Ich habe dieses mein Wort aber mit der christlichen Palästinenserin Samira Mikhail, einer Kollegin von mir, diskutiert. Samira  war der Ansicht, dass  mein Text gut ihre Ansichten widergäbe und Gefühle träfe. Samira wird ausführlich mit ihrem Leben und Ansichten von Norman Finkelstein, einem Juden und Kind zweier Holocaustüberlebender, in seinem Buch „Palästina. Ein persönlicher Bericht über die Intifada“ (Diederichs/Hugendubel, 2003) vorgestellt. Finkelstein gehört wie manche andere Autoren (z.B. Chomsky, Burg, Verleger) zu den kritischen - und mir sehr sympathischen -  Juden, denen vorgeworfen wird, sie seien „selbsthassende Juden“ oder sogar Anti-Semiten, ein Widerspruch in sich.

Auch meine Arbeit im euro-arabischen Dialog mit arabischen Schulen, besonders mit meiner Kollegin Nidal Barham aus Talitha Kumi, Beit Jala, Palästina, ließen mich die andere Seite der Medaille verstehen. Was diese Lehrerin und ihre SchülerInnen der christlichen deutschen Auslands-Schule, die zu 35% auch Moslems unterrichtet, denken und fühlen, ist in einem anderen Buch von Norman Finkelstein unter dem Kapitel „The Agony of Beit Jala“ beschrieben. (In: The New Intifada. Resisting Israel’s Apartheid. Verso, London/New York, 2001, S.125)

Das Wort der nicht gewaltbereiten Palästinenser hat in der Welt kein Gewicht gegen tägliche Brutalität, Willkür, Schikane und Rechtlosigkeit – alles unter dem Mantra der israelischen „Sicherheit“.  Der Antwort auf die Frage, ob die Palästinenser vom in Art. 51 der UN-Charta garantierten  Selbstvertei-digungsrecht Gebrauch machen dürfen, gehen wir meist aus dem Wege, ob also die Intifada von 1987 und 2000 gerechtfertigt war. Indianern und Warschauer Ghetto-Juden hätten wir es zugestanden. Wir heute schauen zu und lassen es geschehen, dass Juden einen Apartheits-Staat errichten, in dem die Rassentrennung verwirklicht ist. Siegmar Gabriels (SPD) Facebook-Eintrag von März 2012: "Ich war gerade in Hebron. Das ist für Palästinenser ein rechtsfreier Raum. Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt," sorgte umgehend für heftige Attacken. So die rüde Rüpelei des zionistischen Kettenhunds Henryk M. Broder: „Ich glaube nicht, dass Gabriel ein Antisemit ist, sondern ein Dummkopf … Wenn er nach Israel fährt, dann sind Dick und Doof im Nahen Osten unterwegs - in einer Person.“ Gabriel antwortete auf den nahezu kollektiven Aufschrei auf Facebook: „Mir ist klar, dass dies eine sehr drastische Formulierung ist. Aber genau so erleben die Palästinenser in Hebron ihre Situation … Die demütigende Form des Umgangs mit den Palästinensern in Hebron übertrifft einfach vieles, was man sonst in der Westbank erlebt. Und es verursacht selbst bei jemandem wie mir, der Israel unterstützt, wirklich großen Zorn. Und den habe ich versucht auszudrücken.“
Der palästinensische Blickwinkel  wird hierzulande öffentlich eher selten eingenommen, von versprengten Friedensgruppen oder ab und an von „der Linken“. Die Medien blicken eher durch eine zionistische Brille. Im Privatgespräch dagegen äußern sich wenigstens mir gegenüber viele kritisch – haben aber stets Angst vor dem Antisemitismus-Vorwurf. Die political correctness erlaubt besonders uns Deutschen zumindest öffentlich kein volles Bild. Mitleid mit den palästinensischen Opfern einer chauvinistischen, bisweilen sogar rassistischen Haltung jüdischer Politiker, darf nicht aufkommen.  Das Mitleid scheint einseitig für die jüdischen Opfer der unsäglichen radikalislamischen Kämpfer  und obszönen Selbstmordattentäter aufgebraucht. Jüdische Opfer zu sehen heißt aber nicht, die jüdische Täter-rolle oder arabisches Leid nicht zu sehen. Wir messen mit zweierlei Maß, wenn es um Staatsgrenzen, Menschenrechte oder die Atom-Kontrolle geht. Im arabischen Frühling war und ist die Verletzung der Menschenrechte und des Völkerrechts zu Recht ein zentrales Anliegen des Westens. Gegenüber Israel klagen wir dies aber nicht mit der gleichen Vehemenz ein, sondern winden uns lieber raus.

Das jüdische Volk soll eine Heimat haben! Die Bal-four-Deklaration von 1917 hat dem avisierten jüdischen Staat eine erste Grundlage gegeben, aber auch klargemacht, dass „nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina … in Frage stellen könnte“. Das „Volk ohne Land“ kam nicht in ein „Land ohne Volk“, sondern das Volk der Palästinenser, Drusen und Beduinen sollte nach Meinung der britischen Kolonialherren mindestens in seinen bürgerlichen Rechten nicht eingeschränkt werden. In Palästina ist für die Araber noch heute alles in Frage gestellt und eingeschränkt. Israel aber hat seinen eigenen Staat; sicher eine beglückende Erlösung für die Verfolgten und Überlebenden des Holocaust.

Wenn es stimmt, dass im Konflikt seit den letzten Jahren für jeden toten Juden sechs Palästinenser ihr Leben lassen mussten (1.000 : 6.000), dann entschuldigt das zwar nicht die „Töter“ auf beiden Seiten (Soldaten, Staatsterroristen, Freiheitkämpfer), sondern öffnet vielleicht die Augen für die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Das Augenöffnen, ein Gewahr-werden, ist aber von unserer individuellen und kollektiven Vorerfahrung geprägt, ebenso von unseren Wünschen und Hoffnungen. „Wahr“ ist immer auch, was wahr sein soll. Ich kann bei mir selbst meinen Weg zur Wahrnehmung verfolgen. Insofern verstehe ich jeden gut, der simpel pro-israelisch denkt, was für mich gleichbedeutend ist mit zionistisch oder xenophil.

Palästina war in den Jahren meiner Kindheit identisch mit dem „Heiligen Land“. Ich sah das Land wie durch einen frommen Filter, eine christliche Brille. Das Bild, das ich sah, war stark geprägt durch fromme Bücher, die Rittergeschichten der Kreuzzüge und natürlich durch die Krippen in den Kirchen. Denn nur die hatten – wenigstens häufig - ein morgenländisches Ambiente und waren kein bayrischer Hirtenstall beim Weihnachtsbaum wie in den meisten Familien. Doch die Hirten auf dem Felde, in der Heiligen Nacht; was waren das für welche gewesen? Juden oder Palästinenser? Gute oder Böse?

Noch vor meiner Geburt hatte die geheime Söldnertruppe der jüdischen Irgun unter dem Anführer Menachim Begin 1946 das King David Hotel in Jerusalem mit 91 Toten in die Luft gejagt. Der führende „Terrorist“ (so damals der britische MI5) Begin wur-de später Premierminister und Friedensnobelpreis-träger (sic!). Kurz darauf töteten wohl als Vergel-tung palästinensische „Terroristen“ am Skopus-Berg 77 Juden eines Sanitätskonvois. Es scheint, als wür-den jeweils die Starken bestimmen, wer Terrorist ist, die Schwachen sprechen von Freiheitskämpfern oder Märtyrern. Wird der Schwache aber stark, werden aus Terroristen - wirklich über Nacht – Hel-den, Staatsmänner und Präsidenten.  

Als sich der Staat Israel 1948 gründete und in der „Nakba“ (= Katastrophe) 711.000 Palästinenser in Flüchtlingslager in Jordanien und alle Welt vertrieben wurden, war ich gerade mal 2 Jahre alt. Das Massaker von Deir Jassin – ebenfalls von Menachim Begin befehligt - bekam ich nicht mit, aber für mich hat später der kritische Jude Erich Fried mit seinem Gedicht „Höre, Israel!“ darauf aufmerksam ge-macht. Jetzt soll bald ein israelisches Gesetz den Palästinensern verbieten, ihre Vertreibung beim Namen „Nakba“ zu nennen: „Neusprech“ aus der „Schönen neuen Welt“. Ich weiß nicht, ob die Nakba 1948 für Deutsche überhaupt ein Thema war oder ein Thema hätte sein können, da die Krematorien von Auschwitz und Struthoff erst langsam auskühlten und wir selbst ein Flüchtlingsproblem hatten.
Ich habe als Kind nichts von palästinensischen Flüchtlingen gehört. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich überhaupt das erste Mal vom Volk der Palästinenser hörte. Später waren sie eigentlich auch mehr eine Fußnote der Nahost-Kriegsgeschichte. Es ging ums Land und weniger um das frisch vertriebene Volk. Es ging um das jüdische, von den bösen Nazis verfolgte Volk. Und der arabische Goliath war genauso grob und hässlich wie die Nazis. David war gut – ein toller Junge.

Dass wir Deutschen den Juden ein übergroßes Leid angetan hatten, das hatte mir meine Familie, streng katholisch beim „Zentrum“ stehend, schon früh vermittelt. Nicht im Detail, aber in der Grundhaltung. Nie hörte ich antisemitische Sticheleien. Ich wusste bis weit nach dem Studium nicht einmal, was ein typisch jüdisches Gesicht oder gar eine Judennase ist. Nie war ich auf so ein Merkmal von irgendjemand in meinem Umfeld hingewiesen worden. Was ich lernte war, dass alle Menschen Kinder Gottes und vor ihm deshalb gleich seien. Ich verschlang dann mit 15 Jahren Leon Uris „Exodus“ und freute mich, wie die jüdischen Helden den bösen Briten ein Schnippchen schlugen und Boot um Boot mit Juden an die Küste Palästinas warfen. Dass die Juden die Palästinenser nicht als Gleiche betrachte-ten, konnte man Gott nicht in die Schuhe schieben, sondern nur ihnen selbst. Gott war höchstens dafür verantwortlich, dass er so ein Unrecht überhaupt zugelassen hatte.

In Israel der Ungleichen ging es um Aufbau, Heldentum und den Kibbuz, wo von 4% der Bevölkerung das neue Menschenbild verwirklicht wurde. Die Araber störten nur bei der großen Aufgabe. Nachts mussten die armen Juden sogar mit dem Gewehr Wache schieben gegen Terrorhaufen. Warum konnten die Störenfriede keine Ruhe geben?  Bruno Bettelheim riss mich etwas später in seinen Büchern mit; er propagierte Erziehung im Kinderhaus durch die Metaplot (Erzieherinnen), ohne alle religiös-repressive Erziehung. Herrlich, welch genialer historischer Streich, so jedenfalls schien es mir damals! Weiter ging es um den harten Kampf in der Negev und beim Orangenernten, beim Straßenbau und der heroischen Handarbeit der Akademiker. Kopf und Hand waren wieder beisammen und Kapital und Arbeit feierten Hochzeit. Wenn das keine einmalige historische Leistung war, von der Thomas Morus in „Utopia“ hatte nur träumen können! Hier war es wahr. Juden waren endlich Helden; im Warschauer Ghetto war das doch nur punktuell anders gewesen, obwohl es dort begann; ich hatte begeistert „Leben ohne Stern“ von Charles Goldstein gelesen. Juden kämpften im neuen Israel gegen die Übermacht der Araber, David gegen Goliath. Und da trug David immer nur den blitzenden blauen Stern.

Später nach dem Sechstage-Krieg 1967, als die ägyptischen Soldaten im Sinai ihre Stiefel weg warfen und wie die Hasen rannten, war Goliath noch feige dazu. Das alles war aber immer in den Nebel der arabischen Widersacher Israels eingebettet; ein eigenes Volk war das für mich noch nicht. Auch wenn die PLO schon Terror machte, gegen die guten Juden. Dann war das kein eigenes Volk, sondern ein Un-Volk, eine üble Terrororganisation in Israel.

Die Besetzung der Westbank und des Gazastreifens nach dem Juni- oder Sechs-Tage-Krieg 1967 war dann eindeutig völkerrechtswidrig; Israel maß jetzt mit zweierlei Maß. Da, wo die UN günstig für den neuen Staat entschied, berief man sich auf die Völkergemeinschaft, und da, wo eben diese Völkergemeinschaft Israel in die Quere kam, wurden UN-Resolutionen (wie die wichtige 242) einfach missachtet;
nicht nur ein moralisches, sondern auch ein intellektuelles Defizit. Die Juden wehrten sich eben. Dieses Grundmuster blieb in mir auch lebendig, als ich erkannte, dass die Staatsgründung Israels - trotz aller frühen britischen Deklarationen und UN-Resolutionen - vom palästinensischen Standpunkt aus ein schreiendes Unrecht – genauer: völkerrechtswidrig - war.

Der Einschnitt in meiner Wahrnehmung kam für mich 1972 beim Anschlag auf die Münchner Olympiade mit einem Schock, da wurde Palästina wirklich ein Volk, auch wenn während des Studiums das Nahostproblem durchaus aus dem kindlichen Bewusstseinsnebel aufgetaucht und politische Konturen erlangt hatte. Als sie die irre schreiende Palästinenserin Leyla 1972 beim Olympia-Attentat in München auf die Trage nahmen, war das Land Palästina als handelndes Subjekt für mich nun deutlich erkennbar. Als die Terroristen mit schwarzen Handschuhen, Maschinenpistolen und Masken auf den Olympia-Gebäuden rumturnten, war Palästina als „böser“ Staat lebendig. Als unsere Jungs, mit klammheimlicher Mescalero-Freude, Kampala „durchzogen“, hatten sie meinen Beifall: Terrorty-pen hatten kein Mitleid verdient!

Doch ich – ein Kriegsdienstverweigerer und in die  Brandt-SPD eingetreten - mochte nie, anders als viele meiner Kommilitonen, das Palästinensertuch, die Kufiya, tragen; die Linksextremen trugen es als antiimperialistische Kämpfer, die weniger Linken in solidarischer Romantik. Und viele trugen es bis auf den heutigen Tag bloß als einen modischen Gag. Wie Jeans und Parka. Mittlerweile tragen es auch Neo-Nazis und der Versandhandel bietet es den heutigen Kids bequem zum Kauf per Onlineshopping an. Ich lehnte den gewaltsamen Widerstand ab und konnte die laut verkündete PLO-Drohung, die Juden ins Meer zu schmeißen, nicht akzeptieren und ertragen. Also trug ich auch das Tuch nicht. Noch heute ist nur schwer zu erfahren, ob die PLO-Charta diese Absicht offiziell aufgegeben und in ihr Programm übernommen hat. Die Generaldelegation Palästinas in Berlin (in Österreich ist es schon eine Botschaft) hat den Text vorsichtshalber gar nicht erst auf ihre Website genommen.

Dann nahm ich Palästina lange primär durch den moslemischen Filter wahr. Jericho, Jakarta und Jemen lagen auf einer grünen Landkarte nah beieinander. Die christlichen Minderheiten, die dort, aber auch z.B. in Jordanien leben, übersah ich. Diese muslim-zentrierte Sicht erhielt ihr letztes Momentum 2001 in New York. Der 11. September – auch mein Geburtstag - hat viel bewegt und bewirkt. Ein Datum, dem wir niemals mehr die Jahreszahl hinzufügen müssen. Es sind nicht nur die kalt lächelnd und zu oft bejubelt hingeschlachteten Menschen, die uns zutiefst bewegt haben. Es ist im Kern die Angst vor der Fragilität unserer demokratischen Gesellschaft, die in unseren Herzen explodier-te und sich jetzt als Milzbrand ausbreitet. Mein Sicherheitsgefühl war im Zentrum zerstört, weil jeder Nachbar ein Schläfer sein konnte und der Frankfurter Messeturm, das Heidelberger Schloss, die Raffinerie in Raunheim oder die nahen Atommeiler Philippsburg und Biblis mein Grab.Ich fühlte die Verwundbarkeit eine Gesellschaft, die fanatischem Terror scheinbar wenig entgegenzusetzen hat - außer Bomben.
Doch Bomben und auch dieses gelb verpackte Brot versorgten den circulus vitiosus der Gewalt und Gegengewalt nur weiter mit Nahrung. Für viele aber hat eine Bewegung zum trotzigen „Jetzt-erst-recht“, aber auch zur wehrhaften Demokratie stattgefunden, die nicht in Angst und Bomben stecken bleiben will. Die etwas tun will, die aus Sorge um unsere Kultur christlich-abendländische Werte verteidigen will - vielleicht erstmals bewusst und auch ohne unbedingt einer der Kirchen anzugehören oder religiös zu sein. Einstehen für eine Kultur, die selbst so viele Schattenseiten aufzuweisen hatte und noch hat. Der durchaus und zu Recht umstrittene „Otto-Katalog“ von Otto Schily war Ausdruck dieser Geisteshaltung, denn auch Toleranz ist einer dieser hohen Werte. Und Bürgerfreiheit. Dieses näher Zusammenrücken und etwas Tritt fassen hat der 11. September auch bewirkt. Das ist die Haltung gegen den Islamismus.

Bleibt die Haltung zu Israel. Können wir wirklich frei sehen, welche Rolle Israel im Nahost-Konflikt spielt? Bei mir war es erst der direkte Kontakt mit Palästinensern, beim Zuhören ihrer Geschichten und dem Lesen kritischer Positionen, gerade auch von deutschen Juden wie Rolf Verleger oder Abraham Melzer, die es mir ermöglicht haben, die beiden Seiten der Medaille zu sehen und daraus Konsequenzen abzuleiten. Zum Beispiel die, es zu ertragen, als Antisemit beschimpft zu werden.

Kürzlich fiel  der "Arbeitskreis Antisemitismus" auf die offizielle israelische Propaganda herein, völkerrechtlich und humanistisch begründete Kritik an der zionistischen Politik der Regierungen Israels sei rassistischer Antisemitismus. Das soll und macht Kritiker mundtot, besonders deutsche. Wenn ich als Lehrer jährlich im Unterricht den Rassenwahn und die Naziverbrechen besonders an Juden fokussiere, wenn ich jüdische Freunde habe und für ein NPD-Verbot bin, aber heftig die selbst rassistische und chauvinistische Politik Israels kritisiere und die kleine jüdische Bewegung dagegen lobe, dann dürfen mich der Arbeitskreis und Herr Graumann gern einen Antisemiten nennen. So kommt die Horrorzahl von 20% Antisemiten nämlich zusammen.
In Wahrheit betreibt Israel selbst als der derzeitige Hauptverursacher des nicht zu lösenden Konflikts auch das Anwachsen seiner Kritikerschar. Alle Friedensgespräche und Winkelzüge sind in Wahrheit Staatsverhinderungsgespräche. Da, wo PLO oder Hamas blocken oder sich streiten, betreiben sie subtil die israelischen Interessen. Palästina soll kein Staat werden! Die sog. Siedlungen, manchmal Städte wie das flächenmäßig größte Ma'ale Adumim bei Jerusalem mit seinen 40.000 Einwohnern, werden wohl kaum jemals wieder aufgegeben werden. 

Ein präfaschistischer Siedlerkönig und Minister Avigdor Lieberman schimpft uns Kritiker dann ein-fach „antisemitisch“. Dass wir tatsächlich und leider deutsche Antisemiten haben, ist traurig, aber europäische Realität. Die sollten wir bekämpfen, genau wie den fundamental-islamischen Terror.

Wenn Israel keinen ehrlichen Frieden und keinen Staat Palästina will, bleibt es selbst sein größter Feind, der die eigene Aggression auf die Außenwelt projiziert. Dann bleibt sein „blinde Fleck“ und kritische Juden und Freunde Israels werden zu Antisemiten (gemacht). 

  Erich Fried
  Höre, Israel!

  Als wir verfolgt wurden,
  war ich einer von euch.
  Wie kann ich das bleiben,
  wenn ihr Verfolger werdet?

  Eure Sehnsucht war,
  wie die anderen Völker zu werden
  die euch mordeten.
  Nun seid ihr geworden wie sie.

  Ihr habt überlebt
  die zu euch grausam waren.
  Lebt ihre Grausamkeit
  in euch jetzt weiter?

  Den Geschlagenen habt ihr befohlen:
  "Zieht eure Schuhe aus".
  Wie den Sündenbock habt ihr sie
  in die Wüste getrieben

  in die große Moschee des Todes
  deren Sandalen Sand sind
  doch sie nahmen die Sünde nicht an
  die ihr ihnen auflegen wolltet.

  Der Eindruck der nackten Füße
  im Wüstensand
  überdauert die Spuren
  eurer Bomben und Panzer.
   


 Erich Fried
  Ein Jude an die zionistischen Kämpfer
 
  was wollt ihr eigentlich?
  Wollt ihr wirklich die übertreffen
  die euch niedergetreten haben
  vor einem Menschenalter
  in euer eigenes Blut
  und in euren eigenen Kot?

  Wollt ihr die alten Foltern
  jetzt an die anderen weitergeben
  mit allen blutigen
  dreckigen Einzelheiten
  mit allem brutalen Genuss
  der Folterknechte
  wie unsere Väter sie damals
  erlitten haben?

  Wollt jetzt wirklich ihr
  die neue Gestapo sein
  die neue Wehrmacht
  die neue SA und S.S.
  und aus den Palästinensern
  die neuen Juden machen?

  Aber dann will auch ich
  weil ich damals vor fünfzig Jahren
  selbst als ein Judenkind
  gepeinigt wurde
  von euren Peinigern
  ein neuer Jude sein
  mit diesen neuen Juden
  zu denen ihr
  die Palästinenser macht

  Und ich will sie zurückführen helfen
  als freie Menschen
  in ihr eigenes Land Palästina
  aus dem ihr sie vertrieben habt
  oder in dem ihr sie quält
  ihr Hakenkreuzlehrlinge
  ihr Narren und Wechselbälge
  der Weltgeschichte
  denen der Davidstern
  auf euren Fahnen
  sich immer schneller verwandelt
  in das verfluchte Zeichen
  mit den vier Füßen das
  ihr nun nicht sehen wollt
  aber dessen Weg ihr heut geht!


 

1.    Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten, dem Haus der Sklaverei, ins gelobte Land Palästina geführt hat. Ich, der Herr dein Gott, habe dich, mein Volk ohne Land, in das gelobte Land ohne Volk gesandt. Du sollst dir kein falsches Bildnis machen, weder von dem, was droben im Himmel ist – mit Ausnahme des Zionismus -, nicht von dem, was auf der Erde hienieden ist – mit Ausnahme von Wirtschaft und Sicherheit des israelischen Volkes -, noch was im Wasser unter der Erde ist - mit Ausnahme der Wasservorräte des Jordan im Lande Kanaan. Du sollst dich beugen und dem Zionismus, dem Militarismus und dem Nationalismus, d.h. der Apartheid  huldigen, denn der Herr dein Gott ist ein rächender Gott, der die Sünden der Voreltern verfolgt bis ins dritte und vierte Glied, bei denen die mich verachten. Doch denen, die mich lieben und meine neuen Gebote beachten, will ich fortwährende Liebe schenken bis ins tausendste Glied. 

2.    Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht verunehren, es sei denn, du besetztes das Land Palästina, denn der Herr wird keinen zu sich aufnehmen, der seinen Namen missbraucht hat. Jedoch einem Araber in deinem Land kannst du in meinem Namen alles antun, denn dieses Land gab ich euch auf ewig. Meine Schwingen begleiten dich in dem mit Steinen beworfenen Panzer, im Stress der Checkpoints und der langen Nächten in den einsamen Wachtürmen. Ein Soldat zu sein – und mehr noch ein Siedler – bedeutet Gottesdienst am Herrn.

3.    Gedenke, dass du den Sabbat heiligest. An sechs Tagen sollst du arbeiten und all dein Werk tun. Es sei dir erlaubt, die Palästinenser zu unterjochen, zu foltern, eine Mauer bis zum Himmel zu bauen, ein Apartheid-System zu etablieren und Straßensperren oder Checkpoints einzurichten. Am siebten Tag aber ist der Ruhetag des Herrn; auch du sollst nichts arbeiten, du nicht, und nicht dein Sohn oder deine Tochter, nicht dein Sklave oder deine Sklavin und auch dein Vieh nicht. Nur die fremden palästinensischen Bürger in deinen Städten mögen arbeiten. Setz Deinen Stiefel in ihren Nacken.

4.    Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe im Land, das dir Gott der Herr einst verheißen hat. Palästinensische Väter und Mütter werden von diesem meinem Gebot nicht betroffen, denn sie sind auf ewig dein Feind. Kämpfe darum, dass sie heulen und wehklagen in ihren Gettos, ewigen Konzentrationslagern und ihrem schmalbrüstigen Territorium; dafür seiest du gesegnet. Lass sie meine Stärke fühlen, so wie euch einst der arische Teufel strafend schlug.

5.    Du sollst nicht töten, außer palästinensische Kinder, Frauen, Freiheitskämpfer und störende Politiker. Drück ihre Jugend mit dem Rücken an die Wand, solange bis sie Steine werfen und Raketen schicken. Dann lass sie schnell verschwinden, selbst wenn deine Kinder daraufhin von blinden Selbstmordattentätern auf tragische Weise gemordet werden. Weh dem Land, das so nach Martyrern lechzt! Wird ein arabischer Terrorist oder Kämpfer – oder sogar ein Baby  in seinem Wagen – getötet, dann brauchst du keine individuelle moralische Schuld zu verspüren, denn du befolgst nur meine Gebote, so wie die Nazis SEINEN gefolgt sind. Niemand kann von dir verlangen, dass du weißt, was Nürnberg ist. Sei gesegnet und verbreite unter ihnen Angst, um sie  bei dir zu bannen.

6.    Du sollst nicht ehebrechen, doch du darfst palästinensische Kinder zu Spionen, Verrätern und Kollaborateuren pressen. Wenn Du schon einem Palästinenser Arbeit geben musst, dann am besten einer ihrer Frauen, denn Arbeitslosigkeit und finanzielle Abhängigkeit von der eigenen Ehefrau untergräbt das Selbstbewusstsein und die arabische männliche Würde. Bau feste Knäste für die Widerspenstigen. Sei trickreich im Namen des Herrn deines Gottes.

7.    Du sollst nicht stehlen, aber du kannst jederzeit arabisches Land auf der Westbank kaufen oder besetzen und dort in tausend Siedlungen siedeln. Stiehl den Arabern ihre Würde und ihren Willen eine Nation zu werden, und trage Sorge, dass nur ein Bantustan lebendig wird. Gibt ihnen nur miese Arbeit, damit du ihre Würde wirklich tief verletzt.

8.    Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten, doch du darfst ihr Recht auf eine Nation verneinen, ebenso wie den völkerrechtlich illegalen Status der Besatzung und die geschichtliche Verwurzelung der Palästinenser in ihrem Land bestreiten. Falls jemand anderer Ansicht bezüglich deiner Weltanschauung oder Politik ist als du, beschimpfe ihn unverzüglich als „Antisemiten“ oder schlicht einen Nazi. Auch wenn es bloß ein friedliebender Jude oder Christ ist, benutz dies Totschlagargument ständig und mit großer Härte. Dafür segne ich dich, mein auserwähltes Volk.

9.    Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Haus und Land und seiner Bäume. Doch den alten Olivenbaum eines jeden Palästinensers magst du abholzen. Sobald er deine Sicht stört, ist dies dein gutes Recht. Ich werde mit dir sein, wenn du in Schulen einbrichst, Land besetzt, Blumen bombardierst und Häuser als Kollektivstrafe nieder walzt. Niedere Rassen können keine Nachbarn sein, sie leben nur nebenan. Bau für die Arabischen Teufel eine richtige Hölle. Und verkünde der Welt, sie lebten im Himmel.

10.  Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Weib, seines Sklaven oder seiner Sklavin, seines Ochsen, Esel oder alles was ihm gehört. Nur in Palästina darfst du all des begehren, denn es bist du, dem ich das Land versprach. Ich bin dein Gott und du mein Volk. Wir haben uns um gar nichts, auch nicht um Menschen- oder Völkerrecht zu scheren. Denn ich der Herr dein Gott bin mächtig und eifernd. Und du, du folge mir!

 

Es ist Zeit, die Deutschen aus dem Schuldturm zu entlassen

Der folgende Brief wurde von der israelischen Botschaft weitergeleitet an den Präsidenten des Staates Israel. Eine Antwort steht (noch) aus. Auch Frau Knobloch (Zentralrat der Juden) erhielt den Brief und die Antwort steht ebenfalls noch aus.

Offener Brief an Präsident Moshe Katsav, Israel zum 8. Mai 20

von Raimund Pousset

Heidelberg, 8.5.2006

Sehr verehrter Herr Präsident!

Heute vor 61 Jahren war der zweite Weltkrieg mit dem Endsieg und der Befreiung endlich zu Ende. Heute vor gut einem Jahr haben Sie, Herr Katsav, Berlin besucht und als Vertreter des jüdischen Volkes im Reichstag eine wichtige Rede gehalten. Heute vor 60 Jahren, 1946 im ersten Nachkriegsjahr, wurden Menschen persönlich schuldlos ins deutsche Volk hinein geboren. Die ersten  Kinder der Tätergeneration hatten 1966 Kinder und diese 1986 wiederum welche „im dritten Glied“. Heute am 8. Mai 2006 werden die ersten Urenkel der Täter „im vierten Glied“ geboren. Persönlich unschuldig und nicht besser oder schlechter als die Urenkel der Opfergeneration. Das Schuldeingeständnis unserer großen christlichen Kirchen und die Geschichte berühren die Nachgeborenen nicht mehr aus dem Blickwinkel der persönlichen Schuld, sondern nur als Anlass für Empathie, Trauer, Verantwortung und Respekt. Nicht alle „Volksgenossen“ lassen sich leider allerdings berühren, doch diese Unberührbaren müssen wir ertragen, wenn auch demokratisch bekämpfen.

Noch immer leben Menschen, meist Juden, die dem Tod in den Vernichtungslagern der Nazis entgangen sind. Sie entgingen in einer unvergleichlichen Götterdämmerung von Zivilisation, Wissenschaft und Kultur halbtot dem Tod, den ihnen die deutschen Ururgroßväter, diese Gott hassenden Missetäter, in medizinischen Versuchsreihen und auf Todesmärschen zugedacht hatten. Noch immer haben die überlebenden Opfer grauenhafte Alpträume, einige hat der Versuch nach Deutschland zurückzukehren (wie Nelly Sachs) in die Psychiatrie getrieben. Für Verzeihen lässt das Grauen da keinen Raum. Oft leiden auch noch die Kinder und Kindeskinder der Opfer unter den Folgen der Shoa und sei es unter dem Schweigen der Väter wie etwa bei Gila Lustiger, genau wie die Kinder der Täter unter deren Schweigen leiden können (wie etwa Ute Scheub) - und müssen darüber Bücher schreiben.

Wir, d.h. alle, die mit empfinden, wollen uns an all das, was Juden und anderen Minderheiten angetan wurde, erinnern und die Spätfolgen wahrnehmen, auch gegen die Arroganz und die Attacken dumpfer Neo-Nazis, Hamas-Hetzer und irrender Islamisten. Diejenigen, die jüdische Leiden leugnen oder karikieren, wollen Juden zum zweiten Mal demütigen. Heute glänzt gegen das Vergessen, Verdrängen, Verfälschen und Verleugnen am Brandenburger Tor ein wogendes Feld von schwarzen Brandungsbrechern. Und das ist gut so. Eine Zementierung der Schandtat, umstrittener Ort der Schande, des Erinnerns und des Gedenkens.

Viele von den jüdischen Opfern haben dem deutschen Volk individuell, in Interviews, Reden oder als Schriftsteller vergeben. Manche Juden - auch der Nachgeneration - leben mit und versöhnt mitten unter uns. Die jüngst hoch betagt und hoch verehrt in Heidelberg verstorbene Hilde Domin hat ihren Fuß in Deutschland wieder in die Luft gesetzt – und sie trug! Einige haben sogar Kinder mit Deutschen. Dafür sind wir dankbar, freuen uns, wir, die wir persönlich und auch kollektiv nicht schuldig wurden, aber trotzdem die Last der historisch-moralischen Verantwortung tragen und tragen wollen. Die späte Geburt ist uns selbstverständlicher Auftrag, nicht Gnade.

Wir haben oft gegen den stummen Widerstand der Väter-Täter das Grässliche - mit Rückgrat - vor der Verdrängung bewahrt, haben zu Terror und Leid nicht geschwiegen und wo es denn ging, mit gelitten. Wir haben die Verzögerung der Kriegsverbrecherprozesse verurteilt und gegen die stille Kumpanei vieler Väter demonstriert. Wir dachten un-preußisch pazifistisch, ein Freund war Jude, wir reisten als Zivis oder zum Orangenpflücken in den Kibbuz und es flossen finanzielle Wiedergutmachung (Schilumim) und Waren- und Waffenlieferungen von Israels größtem Handelpartner. Manchmal waren wir so verbohrt im Protest, dass wir den stillen Widerstand unserer Eltern zur Nazi-Zeit abschätzig mit Nichtbeachtung straften. Ein später Platz in Yad Vaschem war uns nicht gut genug. Wir wollten Heroen in Plötzensee und keine Stillen im Lande. Wir wollten stolz sein. Erst „Schindlers Liste“ hat das auch für viele andere korrigiert. Die Messlatte an uns war und ist noch nicht gelegt.

Wo immer wir als nachgeborene Deutsche auf dieser Welt gingen und gehen: wir wurden und werden immer wieder von der Geschichte heimgesucht. Manchmal eindimensional plump und anmaßend, ein anderes Mal subtil. So, wenn der Vorsitzende des polnischen Unabhängigen Ethikrates, Boguslaw Wolniewicz, im April 2006 den deutschen Papst attackiert, der dem fundamentalistisch-katholischen Sender „Radio Maryja“ seine antisemitischen Tiraden untersagen möchte. Wolniewicz meint in heiliger Einfalt uns alle: „Das Dritte Reich hat den Deutschen das moralische Rückgrat genommen, und das ist ihnen bis heute nicht gewachsen!“

Manchmal treffen dich persönlich auch die Schande und die Geschichte mitten ins Herz, so, wenn dir in Auschwitz weinende Polen begegnen, die Blumen an rostigen Kreuzen niederlegen. Auch wenn Dich auf dem Touristen-Fischerboot in der Adria ein Mann den ganzen Tag unverwandt anstarrt, um dir abends dann endlich zu erklären, er sei Tscheche, habe in Dachau gesessen und wolle sich erstmals wieder einem Deutschen nähern, wolle spüren, ob die neue Generation anders sei. Oder wenn Du mit einem New Yorker Juden, der als 11-Jähriger mit seiner kleinen Schwester an der Hand zu Fuß und allein von Berlin nach Holland floh, im Herbst durch Schöneberg an seiner ehemaligen Schule vorbei spazieren gehst, er plötzlich stehen bleibt und leise sinnt: „So hat das Laub auf meinem Schulweg immer unter meinen Füßen geraschelt!“ Dann kann dich das schon durchschütteln.

Als wir schwer aufgeladene Substantive wie Führer, Flamme oder Jude wieder unbefangen aussprechen konnten, statt mit seltsamen Verdrehungen wie Israelit, Hebräer oder jüdischer Mitbürger die Sprachlosigkeit zu übertünchen, kam so etwas wie Normalität in unser Denken und Fühlen. Wo Schuldgefühl herrschte, konnte Mitgefühl wachsen. Trotzdem tragen unsere KfZ-Kennzeichen keine Seriennummern wie KZ, SS oder SA. Aber nicht, weil wir uns nicht erinnern wollen, sondern weil wir den möglichen Missbrauch verhindern wollen. So wurde viel Entscheidendes wieder normal, wirtschaftliche, militärische und wissenschaftliche Kooperation, Jugendaustausch und Tourismus, wenn auch nicht „Alles auf Zucker“ ist. Wer auf Goethe stolz sein will, darf Goebbels nicht negieren. Schande und Stolz sitzen auf einem Holz. Der katholische Publizist und Herausgeber des „Rheinischen Merkur“ Joseph Görres (1776 – 1848) sagt dazu: „Das Volk, welches seine Vergangenheit von sich wirft, entblößt seine feinsten Lebensnerven allen Stürmen der wetterwendischen Zukunft.“ Heinrich Heine ist 2006 endlich in Deutschland angekommen. Er wurde „liebevoll aufgenommen“, sagt jedenfalls Marcel Reich-Ranicki.

Die Schandtat Auschwitz kann niemals normal werden, Auschwitz bleibt monströs, aber der Umgang mit der Schande kann auch für Deutsche normal sein. Wir werden es auch als normal erleben, dass Deutsche aus politischen Gründen Partei für die Sache der Palästinenser ergreifen. Wir müssen allerdings Antisemitismus, der das Existenzrecht Israels in Frage stellt,  nicht als normal akzeptieren, weil er Rassismus ist. Und der stellt den göttlichen Funken und das Humanum in jedem von uns in Frage.

Das stete Gedenken an die größte Katastrophe der menschlichen Geschichte darf und kann nicht von Versöhnung weichgespült werden. Nur wer sich ehrlich erinnert, darf nach vorne schauen, dass es nie wieder werde. In dem, was wir Erinnerungskultur nennen, haben Juden und Deutsche, auch deutsche Juden, noch immer nicht die gemeinsame Sprache gefunden. Die Diskussion taumelt oft genug zwischen der Antisemitismus- und der Auschwitz-Keule hin und her.

In der Sprache der Bibel, die Christen und Juden so verbindet, heißt es zu unserer Heimsuchung im Dekalog: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der  Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die  mich hassen!“ Nun sind wir im vierten Glied angekommen und haben dass Versprechen auf Wohltat bis ins tausendste Glied nicht. Doch was kommt nach dem vierten Glied? Können da vielleicht die Wohltat der Vergebung der Nazi-Verbrechen und die Versöhnung kommen?

Der kürzlich verstorbene Johannes Rau hat am 16.1.2000 als Bundespräsident bei seinem Staatsbesuch in Israel in der Knesset die Juden in der Sprache der Mörder offiziell um Vergebung gebeten. Sie, Herr Katsav, mochten als  israelische Präsident die deutsche Bitte um Vergebung bei Ihrem Gegenbesuch im Berliner Reichstag am 31.5.2005 offiziell nicht erhören und sagten: „Das Trauma der Shoa wird das jüdische Volk bis in alle Ewigkeit begleiten. Für die Shoa kann es weder Vergeben noch Verzeihen geben.“ Nach Ihrer feierlichen Aussage, die Sie auch im Namen aller zukünftigen jüdischen Generationen gemacht haben, wäre jede deutsche Bitte um Vergebung und Hoffnung auf Versöhnung sinnlos. Jom Kippur, das höchste jüdische Fest und nach dem Talmud (Joma VIII, 9) das Versöhnungsfest auch mit dem Nächsten, nachdem dieser die geschädigte Person um Verzeihung gebeten hat, bliebe für Deutsche auch im tausendsten Glied nur eine Fata Morgana. Wir würden ewig im Schuld(gefühl)turm gefangen bleiben! Diesem Gedanken versperren sich bei vielen Herz und Hirn, Herr Präsident.

Auch der hie und da zu lesende Hinweis, hier handele es sich um einen Übersetzungsfehler, hilft solange nicht weiter, als dass Sie selbst dazu Stellung nehmen. Selbst wenn denn die Juden selbst gemeint sein sollten, für die es in ihrer Erinnerung kein Vergeben und Verzeihen für ihr erlittenes Leid und das eigene Überleben geben könne – eine arg strapazierte Interpretation gegen den Kontext der Rede -, bliebe doch die Frage offen, wann und wie sich der Präsident des israelischen Staates den Akt der Aussöhnung mit dem deutschen Volk in Zukunft vorstellt. Oder sei dies auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben, bis „uns“ das Rückgrat nachgewachsen ist?

Warum kann es jetzt keine offizielle Versöhnung geben? Auch die Frage nach dem Qui bono, wem das denn nützt, stellt sich?! Diese Frage offen stellen und darauf auch eine Antwort suchen zu können, verweist auf das stabile Normal-Verhältnis zwischen Deutschland und Israel, das nicht immer im Walser-Tanz enden muss. Noch in den letzten Tagen der Bonner Republik hätte meine Fragestellung wohl keine seriöse Zeitung gedruckt. Wenn wir diese Frage aber dem rechten Rand überlassen, werden die Antworten auch so sein, wie sie sind: springerstiefel- und stammtischgerechter Antisemitismus für verunsicherte Stimm(ung)en.

Wenn Ihnen und Israel offiziell kein Verzeihen für die persönlich schuldigen Täter und Mitläufer in der Nazizeit – zwölf Jahren deutscher Geschichte! - möglich ist, warum dann nicht für die Nachgeborenen nunmehr im vierten Glied, die heute nach 61 Jahren wesentlich das deutsche Volk mit seiner tausendjährigen Geschichte repräsentieren? Zum deutschen Volk zählen auch Millionen zugewanderter Deutsche aus aller Herren Länder, häufig muslimischen Glaubens, aber auch Kinder und Kindeskinder von ebenfalls ermordeten und gepeinigten Widerstandskämpfern. Und es kamen viele Juden aus dem Osten dazu, die sicher darauf vertrauen (können), dass in ihren weinroten Pass nie wieder ein „J“ gestempelt werden wird. Fehlt denen pauschal allen das Rückgrat?

Soll die Einmaligkeit der Tat, die Größe des Traumas und die Schwere der Schuld wirklich zum Maßstab für die Vergebung gemacht werden? Oder wären nicht doch das umfassende Schuldanerkenntnis, die Wiedergutmachung und die demokratische Wandlung, also deutsche Reue und Sühne anzuerkennen, der bessere Weg vor Gott und den Menschen?

  • Wenn diesem deutschen Volk als ganzem bis in alle Ewigkeit – quasi als kategorischer Imperativ - offiziell nicht vergeben werden darf, muss wohl eine blutsmäßige Erb-Schuld vorliegen: Deutsche als genuine Antisemiten, potenzielle Massenmörder und willige Vollstrecker, denen ewig nicht zu trauen ist.  
  • Wenn man nicht vergeben will, müsste ein zweckrationaler Grund vorliegen, z.B. die Absicht der Instrumentalisierung der Schande oder die Einschätzung, Reue und Sühne der Deutschen seien nicht hoch genug gewesen.
  • Wenn man nicht vergeben kann, müsste das in der Psyche der Überlebenden liegen. Wobei nachvollziehbar ist, wenn ein Individuum den Schritt zur Versöhnung nicht zu tun vermag, weil das Leid zu nah und der Schmerz noch zu groß ist.
  • Wenn man nicht verzeihen soll, dann müsste das in der Religion und/oder der Ideologie begründet liegen. Aber welcher rächende Gott oder welcher gnadenlose Philosoph verlangt von Völkern eine Existenz in der Unversöhnlichkeit auf ewig?


Vielleicht kommt bei Ihnen und vielen Meinungsführern Israels auch alles zusammen: man darf, will, kann  und soll diesen großen Schritt „in die Luft“ niemals tun. Wenn es so denn so wäre und kein Prinzip Hoffnung Kraft walten ließe, dann wäre es sicher gut, wenn das ewige Nein ausführlich begründet würde. Dann müssten wir Deutsche uns damit und darauf einrichten, auch wenn nur wenige dafür auf Dauer Verständnis aufbringen dürften. Der Freundschaft mit Israel wird diese trostlose Perspektive besonders in schwieriger Zeit, wo rassistische und hasserfüllter Kinder A-Bomben zu basteln beginnen, vermutlich auch nichts nützen.

Es gibt viele Beispiele für Versöhnung zwischen den Völkern, oft im kirchlichen Bereich. So war der erstmalige Besuch des russischen Patriarchen Alexius II. von Moskau im November 1995 in Berlin gekennzeichnet von dem festen Willen zur Versöhnung mit dem deutschen Volk. Welche gewaltige Kraft Versöhnung hat, können wir auch in Südafrika, im Lande Nelson Mandelas, erleben. Man kann es sogar hören, das große Herz Afrikas: Die Schwarzen sprechen, wenn sie ihre dreistrophige Nationalhymne „Nkosi sikelel´i Afrika“ (Gott schütze Afrika) singen, im zweiten Teil fast selbstverständlich und symbolhaft die Sprache ihrer burischen Unterdrücker und Mörder. Dazu hat es der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen bedurft und eines gesellschaftlichen Prozesses, der noch nicht am Ende ist. Eine Sängerin des berühmten Imilonji-Chors, die 1976 einen Sohn unter den über 600 toten Soweto-Schülern zu beklagen hatte, sagt 2005 bei einem Workshop mit deutschen Sängern: „Ich habe den Weißen vergeben - aber nichts vergessen! Wie könnte ich nicht vergeben, wenn Gott, der Herr, uns Menschen vergeben habt, die seinen Sohn getötet haben?“

Heute, 61 Jahre nach Kriegsende, nicht letztes Jahr zum runden Gedenktag, lässt sich ein Wunsch formulieren: Wir – so meine ich - brauchten im Aussöhnungsprozess mit den Juden das kollektive Erhören von Raus Bitte mit starken Symbolen. Im Namen des vierten und fünften Gliedes wünschen mindestens sehr viele Deutsche die Erhörung der deutschen Bitte um Vergebung, damit tätige Versöhnung sei: offiziell durch die israelische Knesset und in Abstimmung mit dem jüdischen Weltkongress. Auch wäre damit endlich jedem Vorwurf und Anschein der Instrumentalisierung von Auschwitz oder einer von Schuldgefühl erpressten Freundschaft der Nährboden entzogen.

Vielleicht wäre eine Versöhnungswoche ein starkes Symbol und ein würdiger Akt, beginnend an einem Sonntag in Berlin, über zentrale Plätze der Shoa laufend und mit dem Höhepunkt an einem Sabbat (Jom Kippur) in Jerusalem. Auch ein vom Zentralrat der Juden initiierter Akt, z.B. ein Versöhnungsmarsch durch Deutschland, wäre viel, sehr viel, vielleicht der erste Schritt vor dem zweiten. Welcher Hohepriester treibt an Jom Kippur den Sündenbock zu Asasel in die Wüste (Levitikus 16:8-10), was nach alter jüdischer Überlieferung doch die "gänzliche Entfernung der Schuld“ bedeutet? Wäre es nicht auch bedeutungsschwer, wenn der Akt der Versöhnung noch mit den letzten lebenden Opfern stattfinden könnte?

Der 1912 (als Alfred Gutsmuth) in Gießen geborene und dort promovierte Israeli Dr. Abraham Bar Menachem, Ex-Oberbürgermeister von Netanya, sagt als 93-Jähriger bewegend schlicht und deutlich anders als Sie, Herr Präsident: „Für mich besteht kein Widerspruch zwischen stetem Gedenken an die Vernichtung von sechs Millionen Juden durch Deutsche und der Versöhnung mit dem deutschen Volk“. Er hat Recht, der weise alte Mann; hoffen wir auf ihn und seinesgleichen. Hoffen wir auch auf die Nachgeborenen, die uns nicht mit der Antisemitismus-Keule sofort Schlussstrichmentalität oder geistiges Brandstiftertum unterstellen.

Sie, Herr Präsident, als höchster Repräsentant Israel und aller Juden dieser Welt – besonders der deutschen - sollten trotz Ihrer Absage Raus Bitte erhören und uns zu einem geschichtsmächtigen Termin und in absehbarer Zeit eine zweite Chance geben. Darum bitte ich. Ich meine, die Zeit ist reif das deutsche Volk mit Rückgrat aus dem Schuldturm zu entlassen und ein neues, besseres Kapitel aufzuschlagen.