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Genealogie

Genealogie der Familie Pousset

Die deutsche Familie Pousset ist eine hugenottische Sippe. Sie wanderte von Frankreich über Belgien nach Deutschland ein. 

1848 wird der evangelische Zink- und Kohlearbeiter/Taglöhner  Dieudonné Pousset (1826-1869) aus Herstal (bei Liège/Lüttich) in Belgien kommend in Mülheim/Ruhrin "den preußischen Untertanenverband" aufgenommen. Dort findet sich heute noch das Dörfchen Pousset, Ortsteil von Remicourt.

Am 8.5.1848 heiratet Dieudonné seine Frau Catharina Angelika Fischer (1823 - ?) katholisch ; sie haben gemeinsam 7 Kinder.

Er wohnt 1864 in der Zinkhütte 36/1 in Mülheim-Mellinghofen.

Zwei seiner Söhne sind die Stammväter aller deutschen Poussets:

  • Johann Phillip Emil Pousset (1851-1913), der 1880 Franziska Maria Völker (1859 - 1930) katholischheiratet.

  • Philip Gerhard (1853 -?), der Anna Elise Neihsevangelisch heiratet. 

Aufgrund des früheren lateinischen lang-s, das wie ein Sütterlin-H aussah, wurde der Name auch manchmal als Pouhset geschrieben oder das "ss" preußisch als "ß" interpretiert, wodurch die seltsame Schreibweise "Poußet" entstand. Einige Familienmitglieder schreiben sich immer noch so.

Mein Stammvater ist Johann P.E. (Foto).


Familiengeschichte(n)

Ich habe seit meinem 15. Lebensjahr nach den familiären Wurzeln meiner hugenottischen Familie gesucht; Genealogie betrieben, auch wenn ich nur wenig Französisch sprach. Im humanistischen Gymnasium lernten wir eben brav Latein, Englisch und Griechisch; vielleicht noch Hebräisch, aber eben kein Französisch. Solche Unkenntnis hat (bei meinem Nachnamen!) in meinen vielen Urlauben und Besuchen in Frankreich immer wieder Verwunderung hervorgerufen oder mich anspornende Kommentare eingetragen. Genützt hat es aber nicht viel. Heute darf ich mich im Urlaub auf meine Frau verlassen; sie spricht die Sprache mit großer Leichtigkeit und viel Herz. Und auch meine Tochter springt dem Vater gelegentlich mit Tränen in den Augen zu Seite, wenn der was selbst Gestricktes von sich gibt.
Früh schon hat mir mein Vater seine Unterlagen zur Ahnenforschung übergeben, natürlich den unsäglichen Ahnenpass der Nazis an erster Stelle, aber auch viele amtliche Bestätigungen, Fotos und Briefe. Der arische Ahnenpass im grauen Umschlag und mit Dutzenden von mit Hakenkreuzstempel übersäten Einträgen verkündete schon, dass unsere Linie bis zu einem Jean zurückging, allerdings wurde keine Jahreszahl seiner Geburt genannt. Im Ahnenpass erfuhr ich auch, dass Franzosen wohl Arier seien, aber rein deutsche Arier doch „deutscher“ seien als Franzosen, Tschechen oder Polen. „Rassisch“ waren wir dann damals ja wohl Arier zweiter Klasse. Für 35 Jahre blieb das trotz aller intensiven Nachforschung mein erster Ahne, der natürlich irgendwoher gekommen sein musste. Aus Frankreich?

 

Ergebnisse

Am 13.11.1775 hat dieser Jean in Herstal die Geburt seines Sohnes Gerard von seiner Frau Theodora Depont gemeldet. Ich konnte später aus dem Standesamtsregister von Lüttich eine Kopie seiner schwungvoll handgeschriebenen lateinischen Geburtsurkunde erhalten, wo eben auch der Stammvater Jean genannt wird.  Jean müsste also um 1750 geboren sein. Und der Enkel, der Zinkarbeiter Dieudonné (*1826), war dann 1848 - wohl der Kohle folgend - nach Deutschland eingewandert. Unsere Familie war für viele Jahre eine Bergmannsfamilie. Mein Großvater Heinrich war Obersteiger, meine Onkel Heinz Betriebsleiter und Patchwork-Bruder Lutz Dinkloh Bergwerksdirektor. Nur mein Vater Johannes, 1909 in Essen geboren,  wollte sich die Hände unter Tage nicht schmutzig machen; er wurde Drogist. Das hielt ihm in der Tat die Hände sauber, aber machte die Taschen nicht voll. Selbst den Dialekt des Ruhrpotts hatte er vollständig abgelegt, sprach reines Hochdeutsch. Nur 1993, nach einer Operation, fiel er ins Durchgangssyndrom und sprach uns mit einer gespenstischen Dialekt-Stimme an.

In meinen Unterlagen liegt noch der erste Brief auf Französisch, den ich als Antwort auf meine Anfrage 1963 vom Archiv in Lüttich bekommen habe. Darin wird mir keine Hoffnung gemacht, frühere Daten und Ahnen nachweisen zu können. Das war enttäuschend. Ich hatte doch wissen wollten, was es mit den kargen Bemerkungen auf der Rückseite unseres Familienwappens (drei silberne Hechte auf Blau) auf sich hatte, dass die Familie „Pousset de Montauban“ aus Frankreich stamme. Natürlich war dabei meine Phantasie auch von den europäischen Romanen Karl Mays beflügelt, die ich zu der Zeit im Internat der Weißen Väter, einer Missionsgesellschaft für die Be-kehrung des Moslems in Afrika, im Atom- und Fliederstädtchen Haigerloch verschlang. Das „de“ verhieß doch Adel, oder? Montauban konnte doch ein prächtiges Schloss in Frankreich sein, das nur auf seinen zu Unrecht nach Deutschland verstoßenen Sohn wartete?! Auf keinen Geringeren als mich. Vielleicht gab es ja auch noch einen verknöcherten, hartherzigen alten Comte, der seinen „kleinen Lord“ endlich überglücklich in die Arme schließen würde?! Noch passten zwar der Untertagebau und das französische Schloss nicht recht zusammen, aber die Hugenotten waren ja schon viel früher geflohen, als die erste verlässliche Jahreszahl von 1775! Da war unsere Familie schon in Belgien gewesen, musste vorher also aus Frankreich gekommen sein. Denn die Familiensaga wusste genau zu berichten, dass wir eine Hugenottenfamilie waren. Nicht ganz dazu passte, dass alle aus dem Clan, die ich kannte, katholisch waren. Da musste also etwas geschehen sein. Und es war etwas geschehen.

Die Liebe eines einzelnen Mannes, meines Ur-Urgroßvaters Dieudonné, der 1848 von Herstal kommend in Mülheim an der Ruhr in den „preußischen Untertanenverband“ aufgenommen worden war (so heißt es in dem Dokument), hatte eine lange leidvolle Geschichte auf den Kopf gestellt. Im gleichen Jahr hatte der brave protestantische Bergmann nämlich die Deutsche Catharina Angelika Fischer geheiratet - und die war nun einmal katholisch! Also wurde katholisch geheiratet. Ich habe den Wohnblock in Mülheim gesucht, wo sie lebten. Es ist aber nur noch ein Grünstreifen mit einer Reihe von Bäumen vorhanden; die Häuser wurden längst abgerissen. Zwei Trauzeugen gleichen Namens, die in den Unterlagen auftauchen, verschwinden dann wieder aus den deutschen Registern. Sie sind vermutlich früh gestorben oder wieder nach Belgien zurück gewandert. Dieudonné hat die Reformation konterkariert, hat Tod, Flucht, Kampf und Leid der Vorfahren sinnlos gemacht. Das muss ihm schwer gefallen sein; aber der ganze Familienclan saß ja in Belgien, hatte also wenig soziale Kontrollmöglichkeiten. Vielleicht hat das seinen Übertritt zum „feindlichen“ Glauben erleichtert. Vielleicht wollte er sich auch an die neue Familie anpassen. Hat Heimat gesucht und gefunden.  Unsere Familientradition überging den Glaubenswechsel in der Familie dezent. Meine frühes Nachfragen „Warum?“ und mein späteres, ob das nicht doch zeige, wie beliebig und bedeutungslos die Zugehörigkeit zu einer Kirche sei, stieß auf wenig Verständnis. Mein Vater mochte da überhaupt nichts zu sagen, meine ebenfalls gut katholische Mutter fand immer wieder erneute Ausreden, um zu beweisen, wie einmalig und alleinseligmachend doch der katholische Glaube sei. Doch die Saat des Zweifels war längst gesät. Lessings „Nathan, der Weise“ war noch nicht gelesen, aber die Ringparabel schon verstanden.

Beider Sohn Johann Phillip Emil, 1851 als deutscher Stammvater in Mülheim an der Ruhr gebo-ren, begründete dann schon mit Franziska Maria Völker, einer Verwandten des einstmals bekann-ten deutschen Tenors Franz Völker, einen guten katholischen Bergmanns-Haushalt im Ruhrpott. Trotzdem, glaube ich, steckt in uns allen - trotz der deutschen katholischen Mütter - ein strenger protestantischer Vater-Kern. Meine Tochter Sina jedenfalls, hat – ungetauft - schon in der ersten Klasse der Grundschule, zunächst für ein Jahr ohne unser Wissen, selbständig den protestantischen Religionsunterricht gewählt und dies auf dem katholischen Privatgymnasium „Sankt Raphael“ in Heidelberg auch bis zum Abitur fortgesetzt.

Das Gebiet um Lüttich - auf das sich mein Interesse zentrierte - hatte bis 1815 zum Deutschen Reich gehört, war dann kurz an die Niederlande gegangen und ab 1830 als Königreich unabhängig geworden. Ich verfolgte viele Linien auch außerhalb des heutigen Belgiens, etwa in Montauban in Frankreich, auf den Ort, auf den das Familienwappen hinwies. In England gab es in dieser Zeit auch einen Jean, der 1682 von Frankreich kommend in den Camden Society Lists, den englischen Erfassungslisten für die Flüchtlinge, samt Mutter aufgenommen war. Doch auch diese Spur verlief sich wie Dutzend andere im Sande. Manchmal streifte mich in den Akten ein kalter Hauch der Geschichte, z.B. als meine Forschungen auf „Rene Pusset“ stießen, einen Ausländer/Franzosen aus  Vitry, wohnhaft in der Lukauerstr. 11 in Berlin-Moabit, der am 7.9.1943 in der Strafanstalt Plötzensee - unter der Nummer 1298/43 ordentlich verbucht - von Nazi-Schergen wegen Diebstahls hingerichtet worden ist. War das vielleicht doch ein weit entfernter Verwandter (die falsche Schreibweise bedeutete ja nicht viel)? Was mochte er, vermutlich als Fremdarbeiter, gestohlen haben, das den Tod verdiente? Hatte er überhaupt etwas gestohlen? War sein Vater über den Tod informiert worden? Die genaue Adresse in Vitry (sur Seine?) und der Name des Vaters waren ebenfalls ordentlich vermerkt. Die Gedenkstätte Plötzensee konnte aber leider keine weitere Auskunft erteilen.

In den neunziger Jahren nahm dann aus Belgien Leon Pousset überraschend Kontakt mit uns auf, als er einen Fachartikel meines Cousins René gelesen hatte. Unsere Unterlagen zeigten, dass wir verwandt sein mussten, aber wir konnten dies nicht nachweisen. Über Jahre hinweg stöberte Leon immer wieder tagelang mit seiner Frau Lizzy in den Archiven von Herstal und Lüttich – leider mit Null Erfolg. Ihr Arbeitseifer füllte meinen Ordner um weitere Dokumente. Die unsichere Verwandtschaft  hielt einige unserer Familie aber nicht davon ab, den Kontakt durch Besuche zu pflegen und zahlreiche Gegenbesuche belebten die Familienbande. Ganz in der Nähe von Lüttich direkt an der Autobahn nach Brüssel liegt das kleine Dörfchen „Pousset“, ein Ortsteil von Remincourt. Dort nahmen wir an belgischen Familientreffen teil, auch wenn in dem Ort kein Familienmitglied mehr wohnte. 1998 feierte unser deutscher Clan, der heute rund 100 Personen umfasst, in Mülheim an der Ruhr mit einem großen Familienfest das 150jährige Einwandern nach Deutschland. „Die Belgier“ waren dabei!

Durchbruch per Internet

Erst das Internet brachte aber im Jahr 2000 über die USA die Klärung der Familenbande. Die größte genealogische Datenbank der Welt der Mormonen in Salt Lake City,  zeigte mir nach einer kurzen zweistündigen Recherche weitere Ahnen auf. Der letzte nachweisbare Vorfahr war jetzt Henri (I.), der 1608 in Haccourt bei Lüttich getauft wird, Pontiane Petit heiratet  und 1666 verstirbt. Seine Herkunft und weitere Daten bleiben im Dunkeln.  Hier noch weiter zurück zu forschen, hätte nun einen Rückgriff auf französische Quellen während der Hugenottenkriege und damit einen Eintritt ins Dateninferno bedeutet. Für mich hatte deshalb eine lange Suche ein schönes Ende. Jetzt konnten wir auch unsere Verwandtschaft mit  dem belgischen Stamm belegen. Leon war mein Groß-Groß-Onkel.

Die Hugenotten haben in Europa eine der ersten frühen ethnischen Säuberungen - schärfer noch: einen Genozid - erlebt. Wo in fast jedem deutschen Dorf zwei Kirchtürme ragen, reicht in Frankreich heute einer aus (außer in Elsass-Lothringen). Die Protestanten sind bis auf den heutigen Tag weitgehend eliminiert. Dieses tragische Ereignis wird heute nur wenig beachtet; es wurde nie gesühnt oder etwa von der französischen Nationalversammlung um Vergebung gebeten. Da die meist gut gebildeten Hugenotten in ihren Fluchtländern politisch und kulturell perfekt assimiliert wurden, gäbe es vermutlich keinen im Ausland lebenden Hugenotten, der Wert auf eine Entschuldigung legen würde. Vermutlich erschiene ein solches Ansinnen den Franzosen auch lä-cherlich.
Und doch wäre es eine noble Geste. Eine Geste, die in anderen Ländern eine wesentlich größere Bedeutung hätte, so etwa für die Armenier seitens der Türken oder für die Sudetendeutschen, wenn die Benes-Dekrete – die das von tschechischer Seite begangene Unrecht straffrei stellen - aufgehoben würden. Tschechien sollte sich gegenüber dem ehemaligen Unterdrücker Deutschland für die individuellen Verbrechen wie Ermordung an ganzen sudentendeutschen Familien oder der völkerrechtswidrigen Vertreibung der deutschen Volksgruppen nach dem zweiten Weltkrieg  zu einer Entschuldigung aufraffen können. In diesem Wunsch nach Anerkennung des Unrechts und des Leides werden Parallelen zum palästinensischen Volk sichtbar. Aus Opfern wurden in Tschechien und Israel aus Hass und Rache Täter. Dies lässt sich nicht unter Verweis auf das eigene erlittene Unrecht relativieren oder negieren, auch wenn es von Israel rabulistisch und mit großer Verve betrieben wird; jede Tat bleibt einzigartig und wir sollten als Volk und als einzelner die menschliche Größe zum Eingeständnis und dann auch zum Verzeihen aufbringen. Nur wenn wir verzeihen, kann auch uns verziehen werden. Ich selbst habe das in meinem Leben so noch nicht erlebt; könnte ich den hohen Anspruch selbst erfüllen?

Ob aus Entschuldigung und Versöhnung jedoch territoriale oder weitere Ansprüche erwachsen können, ist im Einzelfall zu fragen und zu werten. Die kanadische Regierung hat kürzlich sowohl das historische Unrecht an ihren Indianervölkern anerkannt und sogar mit kleiner territorialer Entschädigung begonnen. Davon ist die US-Regierung noch weit entfernt. Auch die australische Regierung hat Kompensationszahlungen an die Aborigines geleistet und 2008 hat sich Premierminister Kevin Rudd bei ihnen für das an ihnen von den weißen Siedlern begangene Unrecht öffentlich entschuldigt. Wenn Hugenotten heute territoriale oder juristische Ansprüche an Frankreich stellen würden, käme das vermutlich einer Lachnummer gleich. Wohl deswegen, weil 300 Jahre vergangen sind und es keinen sozialen Bedarf mehr gibt, dass Hugenotten nach Hause zurückkehren können. Es wäre sicher auch nur schwer ein individueller Anspruch erkennbar. Und pauschale Lösungen wie im Falle der Wiedergutmachungszahlungen Deutschlands oder der Schweizer Banken an die jüdischen Organisationen sind von Fehlleitungen, Eigennutz und Missbrauch einer an sich ethisch korrekten Angelegenheit bedroht.

In Deutschland gibt es heute nur einen kleinen, eher unbedeutenden Hugenottenverein, an dessen charmant verstaubten Versammlungen ich manchmal in den frühen siebziger Jahren in Berlin staunend teilgenommen habe. Zwar parlierte man dort nicht mehr französisch, aber in Treue fest zum Bürgertum, zum preußischen Staat und zur protestantischen Kirche stand man doch. Ich war eher ein Fremdkörper: ich hatte die katholische Kirche gerade verlassen und fühlte mich mehr der Studentenbewegung zugehörig. Mehr an Organisationsgrad bringen Hugenotten in Deutschland allerdings nicht auf; einen Verein. Sie stellen Generäle, Parteivorsitzende und Minis-terpräsidenten oder Arbeiter, Krämer und Bauern, aber eine Landsmannschaft mit Volkstanz, Kostümen und Froschschenkelwettessen haben sie nicht.  Auch keinen Kochbuch oder Golfclub. In ein paar deutschen Hugenottennestern steht noch eine spitze französische Kirche oder auf dem Gendarmenmarkt in Berlin der stolze Französische Dom. In seinen Mauern beherbergte er zur DDR-Zeit das hugenottische Archiv, das ich einmal besuchte und einen Nachmittag lang nach unserem Familiennamen forschte. Vergeblich; in Berlin hat es keine Poussets gegeben. Nicht mal adaptierte Puseys, wie in London. Oder Poussette wie in Stockholm. Oder Pousset in Dänemark. Manchmal sind hugenottische Namen auch so arg germanisiert, dass viele Deutsche kaum noch wissen, dass sie Hugenottenabkömmlinge sind. Da wurde aus Piquet schon mal Piske oder aus D´Autel ein schwäbisches Dautel. Hugenotten gelten bei uns auch nicht als Minderheit; sie tragen einfach nur etwas komische Namen, die manchmal wohlmeinend falsch ausgesprochen werden.

Mehr als hundert Jahre kämpften die calvinistischen Franzosen in zahlreichen Bürgerkriegen um ihre Glaubensfreiheit. Im Namen des Katholizismus und des zentralistischen französischen Königtums erlebten sie Verfolgung und  Dragonaden, d.h. in die Häuser der Hugenotten wurden Dragoner einquartiert, die ihr spezielles Psalmensingen und Bibellesen unterdrückten und sich ansonsten am Besitz schadlos hielten. Ein dramatisches Geschehen aus dieser Zeit hat Conrad Ferdinand Meyer in seinem Gedicht: „Die Füße im Feuer“ erzählt. Ein Kurier des Königs steigt nach einem der zahlreichen Kriege während eines Unwetters in einem Schloss ab und wird vom Hausherrn freundlich aufgenommen. Langsam dämmert es dem Soldaten beim Anblick des Wappens und des Raumes, wo er gelandet ist: vor drei Jahren hat er hier am Kamin die Schlossherrin durch Folter zum Verrat des Aufenthaltsort ihres Ehemann – desselben, der ihn  jetzt beherbergt  - bringen wollen. Trotzdem er damals ihre zuckenden Füße immer wieder ins Kaminfeuer presste, schwieg die Hugenottin „halsstarrig“ bis zum Tode. Der Junker, die Schaffnerin und die drei Kinder haben den Mörder der Mutter längst erkannt. Das bemerkt der sehr wohl und erlebt To-desangst, schläft aber schließlich im Gastzimmer in seinem Bett ein. Indem er leicht durch eine geheime Tapetentür ins Schlafzimmer des schlafenden Mörders eintritt, lässt ihn der von Meyer heroisch portraitierte Schlossherrn schweren Herzens am Leben, denn, wie er nach bedrohlich langem Schweigen sagt: „Mein ist die Rache, redet Gott“.
Als die protestantischen Eliten, der Adel und der Klerus ins protestantische Europa geflohen waren, hielten sendungsbewusste Laienprediger den Glauben und die protestantischen Rituale hoch. Weil alle drakonischen Maßnahmen dem starken Glauben nichts – oder nur Scheinübertritte zu Katholizismus – anhaben konnten, kam es sogar zur Räumung und völligen Zerstörung von 400 hugenottischen Dörfern, ähnlich wie heute in Palästina. Dies gelang alles noch ohne Panzer und Bulldozer, aber es ist wohl die erste systematische Zerstörung von Wohnhäusern der Geschichte und der Vertreibung ihrer Bewohner, d.h. hier kann man von ethischen Säuberungen sprechen!

Beim blutigsten Höhepunkt der Hugenottenkriege wurde am 24.8.1572 in Paris allein während der sog. Bartholomäusnacht zwischen 5.000 und 10.000 Hugenotten „der Schädel eingeschlagen“. Giacomo Meyerbeer hat dem eine wenig gespielte Oper („Die Hugenotten“) gewidmet. Als Ludwig XIV. 1685 mit der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes (von 1598) den Protestanten ein Leben in Frankreich unmöglich machte, zwang er fast die letzen 200.000 Refugés zur Flucht besonders in die protestantisch starken deutschen Staaten wie Brandenburg, Kurpfalz oder Hessen, aber auch nach Amerika, England und Südafrika oder in die Niederlande und die Schweiz.

Es bleiben Fragen offen: Können wir die Wurzeln unserer Familien, unserer Ahnen oder unseres Volkes in uns spüren? Ist das schon schiere Blut-und-Boden-Ideologie? Ist es ein metaphysisches Erleben oder doch mehr ein Produkt einer Unsumme von kulturellen Traditionen, Hinweisen, Erzählungen und Phantasien? Ist es wirklich gegen die Menschenwürde, wie der türkische Premier Erdogan 2008 nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen meinte, wenn sich Menschen in ein anderes Volk nicht nur integrieren, sondern assimilieren? Das kann ich nicht bestätigen. Ich fühle meine Menschenwürde keineswegs verletzt, weil  sich unsere und tausende andere hugenottischen Familien in Deutschland assimiliert haben.