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Mathetik

Mathetik und Konstruktivismus

Die Defizite im deutschen Schulwesen sind mindestens der interessierten Fachöffentlichkeit seit langem bekannt. Der Bildungsnotstand war nicht erst seit TIMMS, PISA oder den OECD-Studien von 2002 bzw. 2003 (Lesefähigkeit) an unseren Schulen mit Händen zu greifen: schwache Leistungen, zu späte und halbherzige Frühförderung, überfrachtete Lehrpläne, Monotonie, Frühpensionierung, Vandalismus, Schulangst, Mittelmaß, klägliche Elternrechte, Gefühlskälte, Wut, Gewalt bis zum Mord, Bürokratie oder Burnout-Syndrom sind die Zutaten einer gefährlichen Mixtur. Die mangelnden Leistung in Erdkunde, Biologie, Chemie und Physik wurden uns z.B. bereits Anfang der siebziger Jahre von einer ähnlichen Erhebung wie PISA – der  sog. FISS-Studie (First Mathematics and Science Study) - durch die IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement) präsentiert. Das schlechte Ranking  wurde damals geflissentlich übersehen oder nicht Ernst genommen, obwohl die BRD unter 20 Ländern (befragt wurden 258.000 Schüler in 9.700 Schulen) auf den allerletzten Rängen postierte.


Ich verfolge einen anthropologisch-didaktischer Ansatz, der im Gegensatz zur Didaktik als konstruktivistische Mathetik (Platon/Comenius) bezeichnet wird. Das Wort „Mathetik“ stammt aus dem griechischen „mathein“ bzw. „mathanein“ und bedeutet bei Platon „lernen“ sowohl im Sinne eines Prozesses als auch eines plötzlichen Erkenntnisgewinnes.  Die Mathetik geht in ihrer Konzeption auf Johann Amos Comenius (1592 – 1670) zurück, der in seiner „Großen Didaktik“ die Didaktik als „Lehrkunst“ und die Mathetik als „Lernkunst“ bezeichnete. Unter „Mathetik“ verstehe ich die subjektorientierte Bildung, das Verständnis von Wissensaneignung als Konstruktion, die Vorstellung von Selbstorganisiertem Lernen (SOL) als autopoietischem Prozess sowie ein komplexes Qualitätsmanagement. Rainer Winkel verdanken wir, dass er die „Mathetik“ vehement in der fachdidaktischen Diskussion vertreten hat  („Theorie und Praxis der Schule“, 1997).


Ich bezweifle, dass Erziehung bzw. Bildung ein monolineares Verhältnis (der „pädagogische Bezug“, wie Hermann Nohl, 1879-1960, das 1935 nannte) der Einflussnahme zwischen Erziehenden und Schülern konstituiert. Denn indem Kinder und Jugendliche selbst tätig sind, als „Neuankömmlinge“ ein „Initium“ - einen Anfang – zu setzen (Hannah Arendt, 1906-1975) und in dieser Position ein menschliches Interaktionsverhältnis zu begründen, wirken sie selbst an ihrer Erziehung mit (Selbsterziehung). Bildung geht im Gegensatz zu dem seit Platon bekannten Begriff der „Erziehung“, der die intentionalen Anteile der Gesellschaftseingliederung („Sozialisation“) umfasst, auf die Zeit der Aufklärung zurück. Vor allem im Zuge der Französischen Revolution (1789) erkannte das aufstrebende Bürgertum Bildung als politische und ökonomische Kraft. Wilhelm von Humboldt (1767-1835), dem wir ja die Unterteilung in Allgemein- und Berufsbildung zu verdanken haben, formulierte einen bis heute nachwirkenden, politisch-ästhetischen Bildungsbegriff, wonach Bildung einen personalen Eigenwert besitze.



Nach konstruktivistischen Annahmen ist Bildung nicht instruktionistisch herstellbar. Bildunginstitutionen wie die Schule können Lernen zwar didaktisch aufbereiten, aber nicht eine gebildete Einstellung zur und Urteilsbildung über die Welt herstellen. Man kann nicht „gelernt werden“, sondern nur selbst lernen, selbst wenn ich zum Lernen gezwungen werde. Bildung ist als subjektiver Vorgang vor allem ein autopoietischer, d.h. selbstherstellender Prozess, bei dem Jugendliche Konstrukteure ihrer Bildung und damit Selbst-Hersteller ihrer Identität sind. Mein mathetischer Ansatz ist dem Gedanken des selbst organisierten Lernens (SOL) verpflichtet, womit neue Lernwege beschritten und erprobt werden müssen. Die Reformpädagogik (z.B. Montessori, Projektlernen, Jena-Plan) hat dazu seit den zwanziger Jahren des 20. Jh. zahlreiche Methoden entwickelt, die ich entsprechend meiner mathetischen Grundprinzipien jederzeit heranziehen. Wesentlichstes Merkmal des Lernens ist Sinn. „Was keinen Sinn hat, kann weder verstanden, beurteilt noch dem Gedächtnis übergeben werden!“, so Comenius.